Veröffentlicht am März 15, 2024

Der Erfolg einer Energiegenossenschaft hängt weniger von der perfekten Satzung ab als von der intelligenten Steuerung der Gemeinschaft, der Finanzen und der Kommunikation.

  • Rein profitorientierte Modelle scheitern oft am fehlenden Rückhalt; die demokratische eG ist meist die überlegene Rechtsform.
  • Eine Mischung aus Bankdarlehen und Crowdfunding schafft Vertrauen und eine hohe emotionale Bindung in der Gemeinde.

Empfehlung: Setzen Sie von Beginn an auf einen institutionalisierten Bürgerbeirat, um Bedenken proaktiv zu integrieren statt nur zu verwalten. Das ist der Schlüssel zur Akzeptanz.

Der Wunsch nach lokaler, sauberer und bezahlbarer Energie treibt viele engagierte Bürger und Kommunalpolitiker in Deutschland an. Die Gründung einer eigenen Energiegenossenschaft scheint der ideale Weg, um die Energieversorgung selbst in die Hand zu nehmen und die Wertschöpfung in der eigenen Region zu halten. Doch der Weg von der Idee zur ersten Kilowattstunde ist oft von bürokratischen Hürden, finanziellen Unsicherheiten und unerwartetem Widerstand aus der Bevölkerung geprägt. Viele Initiativen verlieren sich im Dschungel der Rechtsformen, scheitern an der Kapitalbeschaffung oder werden durch lokale Proteste ausgebremst.

Die üblichen Ratschläge konzentrieren sich oft auf das Offensichtliche: Man braucht einen Businessplan, eine Satzung und muss die rechtlichen Schritte befolgen. Doch diese oberflächliche Betrachtung übersieht die eigentlichen Knackpunkte, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Was, wenn die wahre Herausforderung nicht das juristische Gerüst ist, sondern die Fähigkeit, die Gemeinschaft hinter einem Projekt zu einen? Was, wenn der Schlüssel nicht allein in der Technik liegt, sondern in der proaktiven, transparenten Kommunikation und der Schaffung einer „emotionalen Rendite“, die weit über den finanziellen Gewinn hinausgeht?

Dieser Leitfaden geht daher einen Schritt weiter. Wir betrachten Sie als erfahrenen Genossenschaftsberater, der weiß, wo die Fallstricke liegen. Wir tauchen tief in die strategischen Entscheidungen ein, die Sie treffen müssen – von der Wahl der richtigen Rechtsform über die clevere Finanzierung bis hin zur effizienten Organisation im Ehrenamt. Ziel ist es, Ihnen einen praxiserprobten Fahrplan an die Hand zu geben, mit dem Sie Ihre Energiegenossenschaft „bürokratiefest“ machen und ohne juristisches und soziales Chaos zum Erfolg führen.

Für alle, die einen schnellen visuellen Überblick über den Gründungsprozess bevorzugen, fasst das folgende Video die wichtigsten Etappen kompakt zusammen. Es dient als perfekte Ergänzung zu den detaillierten strategischen Einblicken dieses Artikels.

Um Ihnen eine klare Struktur für dieses komplexe Vorhaben zu bieten, gliedert sich der Artikel in acht entscheidende Themenbereiche. Jeder Abschnitt beleuchtet eine zentrale Frage, die auf dem Weg zur eigenen Energiegenossenschaft unweigerlich auftaucht, und liefert Ihnen konkrete, praxiserprobte Antworten.

Warum scheitern reine Profit-Modelle bei Bürgerenergieprojekten häufig?

Die Antwort liegt in einem Wort: Vertrauen. Projekte, die von externen Investoren vorangetrieben werden, zielen primär auf die Maximierung des finanziellen Gewinns ab. Dieser Ansatz kollidiert oft mit den Interessen der lokalen Gemeinschaft. Anwohner fühlen sich übergangen, befürchten Nachteile ohne erkennbare Vorteile für sich selbst und entwickeln Widerstand. Bürgerenergieprojekte hingegen leben von der Identifikation und dem Gefühl, Teil von etwas Eigenem zu sein. Es geht um die lokale Wertschöpfung und die „emotionale Rendite“ – das gute Gefühl, die Energiewende vor Ort aktiv mitzugestalten.

Ein Paradebeispiel für diesen Erfolg ist die EWS Schönau. Entstanden aus einer Bürgerinitiative gegen Atomkraft, ist die EWS Elektrizitätswerke Schönau eG heute die größte Energiegenossenschaft in Baden-Württemberg. Mit über 14.500 Mitgliedern beweist sie eindrucksvoll, wie ein bürgereigenes Modell funktioniert. Anstatt Gewinne an anonyme Investoren abzuführen, konnten in den letzten zehn Jahren kumuliert knapp 11 Millionen Euro an die Mitglieder ausgeschüttet werden. Dieses Geld bleibt in der Region und stärkt die lokale Wirtschaft.

Dieses Modell ist kein Einzelfall. Laut dem Bundeswirtschaftsministerium gibt es in Deutschland bereits über 1.038 Energiegenossenschaften mit rund 220.000 Mitgliedern. Diese beeindruckende Zahl zeigt, dass das Genossenschaftsmodell die DNA der Energiewende in Bürgerhand ist. Es stellt sicher, dass die Vorteile – sowohl die finanziellen als auch die ideellen – direkt bei den Menschen ankommen, die mit den Anlagen leben. Reine Profit-Modelle ignorieren diesen entscheidenden sozialen Faktor und scheitern daher oft am Mangel an lokaler Akzeptanz und Vertrauen.

Wie wählen Sie zwischen eG und GmbH & Co. KG für Ihren Solarpark?

Die Wahl der Rechtsform ist eine der ersten und wichtigsten Weichenstellungen für Ihre Bürgerenergie-Initiative. Sie entscheidet nicht nur über Haftung und Steuern, sondern prägt maßgeblich die Kultur und Akzeptanz Ihres Projekts. Für gemeinschaftliche Vorhaben wie einen lokalen Solarpark stehen meist die eingetragene Genossenschaft (eG) und die GmbH & Co. KG zur Debatte. Während die GmbH & Co. KG oft von professionellen Projektierern bevorzugt wird, hat sich für Bürgerprojekte die eG als Goldstandard etabliert.

Der entscheidende Unterschied liegt im demokratischen Fundament. Bei einer eG gilt das Prinzip: Ein Mitglied, eine Stimme – unabhängig von der Höhe der Kapitaleinlage. Dies stellt sicher, dass die Kontrolle breit in der Gemeinschaft verankert bleibt und nicht von einzelnen Großinvestoren übernommen werden kann. Diese demokratische Struktur führt zu einer signifikant höheren Akzeptanz bei Kommunen und Bürgern. Die GmbH & Co. KG hingegen verteilt das Stimmrecht nach Kapitalanteilen, was dem Gemeinschaftsgedanken zuwiderlaufen kann.

Der folgende Vergleich zeigt die wichtigsten Unterschiede auf, die für Ihre Entscheidung relevant sind:

Vergleich eG vs. GmbH & Co. KG für Solarparks
Kriterium Eingetragene Genossenschaft (eG) GmbH & Co. KG
Demokratieprinzip Ein Mitglied, eine Stimme Stimmrecht nach Kapitalanteil
Akzeptanz bei Kommunen Sehr hoch durch demokratische Struktur Mittel bis niedrig
Gewerbesteuer Befreiung möglich (erweiterte Kürzung) Grundsätzlich gewerbesteuerpflichtig
Mindestkapital Kein gesetzliches Mindestkapital Mindestens 1 Euro Kommanditeinlage
Prüfungspflicht Regelmäßige Prüfung durch Prüfungsverband Je nach Größe Prüfungspflicht

Wie Andreas Wieg von der Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften beim DGRV treffend zusammenfasst, steht der Mensch im Mittelpunkt:

Energiegenossenschaften setzen auf eine breite Beteiligung der Menschen in der Region. Oft ist eine Mitgliedschaft schon ab 100 Euro möglich.

– Andreas Wieg, Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften beim DGRV

Diese niedrige Einstiegshürde macht die eG zur idealen Form, um eine breite Bürgerbeteiligung zu ermöglichen und das Projekt fest in der lokalen Gemeinschaft zu verankern.

Crowdfunding oder Bankdarlehen: Was bindet die lokale Bevölkerung stärker?

Die Finanzierung ist oft die größte Hürde für ein Bürgerenergieprojekt. Doch die Wahl der Finanzierungsquelle ist mehr als nur eine betriebswirtschaftliche Entscheidung – sie ist ein mächtiges Werkzeug zur Stärkung der Gemeinschaft. Ein reines Bankdarlehen mag auf den ersten Blick unkompliziert erscheinen, es schafft aber keinerlei emotionale Bindung der Bürger an „ihr“ Projekt. Crowdfunding oder andere Formen der direkten Bürgerbeteiligung hingegen verwandeln passive Anwohner in aktive Unterstützer und Botschafter. Die stärkste Wirkung entfaltet oft ein hybrides Finanzierungsmodell, das das Beste aus beiden Welten kombiniert.

Stellen Sie sich eine zweistufige Strategie vor: Die Grundfinanzierung sichern Sie über die lokale Sparkasse oder Volksbank. Dies schafft eine solide Basis und signalisiert Seriosität, was besonders die ältere Generation überzeugt. Für den verbleibenden Teil des Kapitals starten Sie eine gezielte Crowdfunding-Kampagne. Anstatt abstrakt um Geld zu bitten, verknüpfen Sie die Beteiligung mit einem emotionalen Ziel, wie zum Beispiel „Ein Solarmodul für die Grundschule“. Jeder, der sich beteiligt, erwirbt nicht nur einen Anteil, sondern eine sichtbare Verbindung zum Projekt. Diese emotionale Rendite ist oft wertvoller als der finanzielle Ertrag.

Visualisierung der Finanzierungsoptionen für Bürgerenergieprojekte

Diese Kombination aus traditioneller und moderner Finanzierung etabliert eine Art soziale Kontrolle. Die Teilnehmer werden zu Multiplikatoren, die das Projekt in ihrem Umfeld verteidigen und bewerben. Dies reduziert nicht nur die Marketingkosten, sondern baut auch präventiv Widerstände ab. Ein solches Vorgehen, das oft als Nachrangdarlehen nach dem Kleinanlegerschutzgesetz (VermAnlG) strukturiert wird, macht aus einem reinen Energieprojekt ein echtes Gemeinschaftswerk.

Der Fehler in der Kommunikation, der Windkraftprojekte durch Bürgerproteste stoppt

Der größte Fehler bei der Planung von Windkraftprojekten ist reaktive statt proaktive Kommunikation. Viele Projektierer präsentieren erst dann Informationen, wenn die Pläne schon weitgehend fertig sind. Zu diesem Zeitpunkt haben sich bei den Anwohnern bereits Ängste und Widerstand verfestigt. Die häufigsten Sorgen – Infraschall, Schattenwurf und Wertverlust von Immobilien – werden zu unumstößlichen Wahrheiten, selbst wenn sie durch Fakten widerlegbar wären. Eine erfolgreiche Strategie besteht darin, die Bürger von der ersten Minute an einzubinden und ihre Bedenken als legitimen Teil des Planungsprozesses zu behandeln.

Doch wie kann das konkret aussehen? Ein extrem wirksames Instrument ist die Einrichtung eines institutionalisierten Bürgerbeirats. Dieser Beirat sollte nicht nur aus Befürwortern bestehen, sondern ganz bewusst auch die schärfsten Kritiker einbinden. Anstatt deren Bedenken nur zu „managen“ oder abzutun, werden sie aktiv in die Planung integriert. Fragen wie „Wo ist der optimale Standort, um den Schattenwurf für Haus X zu minimieren?“ werden so zu einer gemeinsamen Aufgabe. Dieser Prozess schafft Transparenz, baut Vertrauen ab und verwandelt Gegner im besten Fall in konstruktive Mitgestalter. Dies ist der effektivste Weg, einen negativen Bürgerentscheid zu verhindern, denn gute Vorarbeit und echte Partizipation sind die beste Überzeugungsarbeit.

Dieser Bottom-up-Ansatz ist das Herzstück erfolgreicher Energiegenossenschaften und erzielt nachweislich höhere Akzeptanzraten als Top-down-Investorenprojekte, bei denen Entscheidungen über die Köpfe der Menschen hinweg getroffen werden.

Die meisten Energiegenossenschaften werden von engagierten Bürgerinnen auf den Weg gebracht. Bürgerinnen schließen sich zusammen, packen an, werden aktiv für den Klimaschutz und bringen die dezentrale Energiewende in der Region voran.

Netzwerk Energiewende Jetzt

Die frühzeitige und ehrliche Auseinandersetzung mit den Ängsten der Bevölkerung, untermauert mit konkreten Daten und Gutachten von neutralen Stellen wie dem Umweltbundesamt (UBA) oder dem Robert Koch-Institut (RKI) zu Themen wie Infraschall, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der Beweis für eine bürgernahe und letztlich erfolgreiche Projektentwicklung.

Wie organisieren Sie die Abrechnung des Mieterstroms ehrenamtlich effizient?

Mieterstrom, also der direkt vom Dach an die Bewohner eines Mehrfamilienhauses verkaufte Solarstrom, ist ein zentraler Baustein der urbanen Energiewende. Für eine ehrenamtlich geführte Energiegenossenschaft kann die monatliche Abrechnung jedoch schnell zu einem bürokratischen Albtraum werden: Verbräuche müssen erfasst, Rechnungen erstellt und gesetzliche Vorgaben (MsbG-Konformität) eingehalten werden. Manuelle Prozesse mit Excel-Tabellen sind fehleranfällig und extrem zeitaufwendig. Die Lösung liegt in der konsequenten Digitalisierung und Automatisierung.

Glücklicherweise gibt es mittlerweile spezialisierte Dienstleister und Software-Lösungen, die genau diese Aufgabe übernehmen. Anstatt das Rad neu zu erfinden, können Genossenschaften auf erprobte Systeme zurückgreifen. Diese Lösungen kombinieren in der Regel intelligente Stromzähler (Smart Meter) mit einer Online-Plattform. Die Zähler übermitteln die Verbrauchsdaten automatisch, die Software erstellt daraus gesetzeskonforme Rechnungen und liefert den Mietern eine transparente Übersicht. Der ehrenamtliche Vorstand muss nur noch die Stammdaten pflegen und den Prozess überwachen.

Ehrenamtliche nutzen digitale Tools für effiziente Mieterstromabrechnung

Der Markt bietet verschiedene Anbieter, die sich in Kosten und Automatisierungsgrad unterscheiden. Die Investition in eine solche Lösung amortisiert sich schnell durch die enorme Zeitersparnis und die Vermeidung von Fehlern. Dass dies ein etabliertes Modell ist, zeigt die Erfahrung von Anbietern wie inexogy/Discovergy, die nach eigenen Angaben bereits über 1.000 umgesetzte Mieterstromprojekte realisiert haben.

Hier ein Überblick über einige etablierte Anbieter in Deutschland:

Software-Lösungen für Mieterstromabrechnung
Anbieter Kosten Automatisierungsgrad MsbG-Konformität
Discovergy/inexogy Individuell Vollautomatisch mit Smart Metern Vollständig konform
metergrid Ab 49€/Wohneinheit/Jahr Hoch mit Fernauslesung Konform
Mieterstrompiraten Flexibles Abo-Modell Automatische Abrechnung Konform

Warum ist Ihr einzelner Speicher für das Netz wertlos, aber im Schwarm systemrelevant?

Ein einzelner Heimspeicher, der den Eigenverbrauch einer Photovoltaikanlage optimiert, ist für den Besitzer ein großer Gewinn, für das große Ganze – das Stromnetz – jedoch praktisch irrelevant. Seine Kapazität ist zu gering, um auf die Schwankungen von Angebot und Nachfrage im Netz reagieren zu können. Das ändert sich radikal, wenn tausende dieser dezentralen Speicher digital zu einem virtuellen Kraftwerk (VPP) zusammengeschlossen werden. In diesem Schwarm wird aus vielen kleinen, unbedeutenden Einheiten ein großer, flexibler und extrem wertvoller Akteur für die Netzstabilität.

Diese gebündelte Kapazität kann sogenannte Regelleistung erbringen. Das bedeutet, der Schwarm kann innerhalb von Sekunden Strom aus dem Netz aufnehmen (wenn z. B. zu viel Windstrom produziert wird) oder Strom ins Netz einspeisen (wenn eine plötzliche Knappheit droht). Damit übernehmen die Heimspeicher eine Aufgabe, die traditionell von großen Gas- oder Kohlekraftwerken erfüllt wurde. Sie werden zu einem unverzichtbaren Baustein für ein Stromnetz, das auf schwankenden erneuerbaren Energien basiert. Die Systemrelevanz im Schwarm ist der Schlüssel zur Integration von noch mehr Wind- und Solarenergie.

Das Potenzial ist enorm. Laut Oliver Koch, CEO von sonnen, könnten in Deutschland vernetzte Heimspeicher eine zusätzliche Leistung von 2,7 Gigawatt durch 270.000 intelligente Speicher bereitstellen. Das entspricht der Leistung von zwei großen Atomkraftwerken. Dass dies keine ferne Zukunftsmusik ist, beweist die Praxis. Der Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW hat diese Technologie bereits im Einsatz, wie aus einer gemeinsamen Mitteilung mit sonnen hervorgeht:

Sonnen ist bisher der einzige Anbieter, der mit tausenden vernetzten Heimspeichern täglich Regelleistung in Deutschland erbringt.

– TransnetBW/sonnen, Pressemitteilung zur Präqualifikation virtueller Kraftwerke

Für eine Energiegenossenschaft bedeutet dies eine strategische Chance: Die Vernetzung der Speicher ihrer Mitglieder kann nicht nur die lokale Autarkie erhöhen, sondern auch aktiv zur Stabilität des gesamten Netzes beitragen – und dabei sogar Einnahmen generieren.

Wie teilen Sie Strom technisch und rechtlich korrekt mit dem Nachbarhaus?

Die Idee, den überschüssigen Solarstrom direkt mit dem Nachbarn zu teilen, ist naheliegend und verkörpert den Geist der dezentralen Energiewende. Doch die Umsetzung ist in Deutschland durch das Energierecht komplex geregelt. Eine einfache Kabelverbindung über den Gartenzaun ist nicht erlaubt. Die korrekte Vorgehensweise hängt entscheidend von der Konstellation der beteiligten Gebäude und Grundstücke ab. Man muss zwischen Mieterstrom, Kundenanlagen und dem zukünftigen Energy Sharing unterscheiden.

Der einfachste Fall ist die Versorgung mehrerer Parteien innerhalb desselben Gebäudes. Hier kommt das etablierte Mieterstrommodell zur Anwendung. Komplexer wird es bei verschiedenen Gebäuden. Befinden sich diese auf demselben oder direkt aneinandergrenzenden Grundstücken und wird keine öffentliche Straße überquert, kann eine sogenannte „Kundenanlage“ errichtet werden. Der Vorteil: Es fallen deutlich weniger Netzentgelte und Abgaben an als bei einer normalen Netzdurchleitung. Sobald jedoch eine öffentliche Straße dazwischenliegt, wird es schwierig. Aktuell muss der Strom dann den vollen Weg über das öffentliche Netz nehmen, was mit allen Kosten verbunden ist. Die große Hoffnung liegt hier auf dem im § 42b des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) angelegten „Energy Sharing“, dessen genaue Ausgestaltung aber noch politisch definiert wird.

In jedem Fall sind ein Anschlussnutzungsvertrag mit dem lokalen Verteilnetzbetreiber und ein ausgeklügeltes Zählerkonzept, oft als Kaskadenschaltung realisiert, zwingend erforderlich, um die Stromflüsse korrekt zu messen und abzurechnen.

Praxisbeispiel: Mieterstrom-Großprojekt in Troisdorf

Ein beeindruckendes Beispiel für die Versorgung über Gebäudegrenzen hinweg ist das leistungsstärkste Mieterstromprojekt Deutschlands in Troisdorf. Hier werden drei mehrgeschossige Gebäude mit insgesamt 24 Wohnungen mit autark erzeugter Energie versorgt. Die Anlage mit einer Gesamtleistung von 86,9 kWp erreicht an sonnigen Tagen einen Autarkiegrad von bis zu 98 %, was zeigt, welches Potenzial in solchen Quartierslösungen steckt.

Um die richtige Lösung für Ihre Situation zu finden, hilft der folgende Entscheidungsbaum:

Ihr Plan zur Stromteilung: Die richtigen Schritte je nach Szenario

  1. Fall 1: Dasselbe Gebäude: Das klassische Mieterstrommodell ist hier die richtige Wahl.
  2. Fall 2: Dasselbe/angrenzende Grundstücke (ohne öffentliche Straße): Richten Sie eine Kundenanlage ein, um Abgaben zu sparen.
  3. Fall 3: Über eine öffentliche Straße: Prüfen Sie die zukünftigen Möglichkeiten des Energy Sharing (§ 42b EnWG) oder kalkulieren Sie die Lieferung über das öffentliche Netz mit vollen Entgelten.
  4. Vertragliche Grundlage: Schließen Sie in jedem Fall einen Anschlussnutzungsvertrag mit Ihrem lokalen Verteilnetzbetreiber ab.
  5. Technische Umsetzung: Implementieren Sie ein geeignetes Zählerkonzept wie die Kaskadenschaltung zur genauen Erfassung der Stromflüsse.

Das Wichtigste in Kürze

  • Erfolg durch Gemeinschaft: Bürgerenergieprojekte, die auf demokratische Teilhabe (eG) und lokale Wertschöpfung setzen, sind nachhaltig erfolgreicher als reine Profit-Modelle.
  • Intelligente Finanzierung: Ein Mix aus traditionellen Bankdarlehen und emotional bindendem Crowdfunding schafft Vertrauen, Akzeptanz und macht Bürger zu Botschaftern.
  • Schwarmintelligenz als Chance: Einzelne Heimspeicher werden erst im Verbund (virtuelles Kraftwerk) zu einem systemrelevanten Faktor, der das Netz stabilisiert und Einnahmen generieren kann.

Wie verdienen Sie mit Ihrem Heimspeicher Geld durch die Teilnahme am virtuellen Kraftwerk?

Die Teilnahme an einem virtuellen Kraftwerk (VPP) verwandelt Ihren privaten Heimspeicher von einem passiven Gerät zur Eigenverbrauchsoptimierung in einen aktiven, ertragsbringenden Teil des Energiesystems. Der Grundgedanke ist einfach: Ein Aggregator, also der Betreiber des VPP, bündelt die Kapazität Ihres Speichers mit der von tausenden anderen. Diesen großen, virtuellen Speicher bietet der Aggregator dann auf dem Energiemarkt an, um das Stromnetz zu stabilisieren. Für diese wertvolle Dienstleistung, die sogenannte Regelleistung (FCR), erhält der Aggregator eine Vergütung von den Übertragungsnetzbetreibern, die er an die Teilnehmer weitergibt.

Das bekannteste Beispiel in Deutschland ist das sonnenVPP. Als erstes virtuelles Kraftwerk aus Heimspeichern ging es bereits 2018 an den Start. Bis heute ist es das einzige VPP dieser Art, das in Deutschland für die anspruchsvolle Primärregelleistung zugelassen ist. Teilnehmer am sonnenVPP erhalten eine Gewinnbeteiligung von bis zu 100 € pro Jahr. Das mag für den Einzelnen nicht nach einem riesigen Betrag klingen, aber es ist eine Vergütung dafür, dass der ohnehin vorhandene Speicher einen Beitrag zur Netzstabilität leistet, ohne dass der Besitzer aktiv etwas tun muss.

Die Teilnahme ist dabei für den Nutzer völlig unkompliziert. Die Steuerung des Speichers erfolgt vollautomatisch durch den Aggregator. Dieser sorgt dafür, dass die primäre Funktion – die Versorgung des eigenen Haushalts mit Solarstrom – immer Vorrang hat. Nur die freie, ungenutzte Kapazität wird für das virtuelle Kraftwerk verwendet. Für eine Energiegenossenschaft eröffnet dies die Möglichkeit, ihren Mitgliedern einen zusätzlichen, konkreten Mehrwert zu bieten und die Attraktivität einer Investition in Photovoltaik und Speicher weiter zu steigern.

Ihre Checkliste: Ist mein Heimspeicher VPP-fähig?

  1. Intelligente Anbindung: Ist Ihr Speicher mit dem Internet verbunden und intelligent steuerbar?
  2. Offene Schnittstelle: Verfügt das System über eine offene Kommunikationsschnittstelle (z.B. Modbus TCP, SG Ready)?
  3. Mindestkapazität: Erfüllt der Speicher die vom Anbieter geforderte Mindestkapazität (meist zwischen 2 und 10 kWh)?
  4. Zertifizierung: Ist Ihr Speichermodell vom gewünschten Aggregator (z.B. sonnen, Next Kraftwerke) zertifiziert?
  5. Passender Stromvertrag: Haben Sie einen Stromvertrag, der die Teilnahme am VPP ermöglicht (z.B. sonnenFlat direkt)?

Prüfen Sie jetzt mit unserer Checkliste, ob Ihr Heimspeicher bereit für das virtuelle Kraftwerk ist, und werden Sie zu einem aktiven Teil der dezentralen Energiewende. Dies ist der logische nächste Schritt, um nicht nur autark zu sein, sondern auch einen Beitrag für die gesamte Gemeinschaft zu leisten.

Geschrieben von Katharina Vogel, Fachanwältin für Energierecht mit Fokus auf dezentrale Energieversorgung. Expertin für Mieterstrommodelle, Bürgerenergiegenossenschaften und regulatorische Compliance.