Veröffentlicht am März 11, 2024

Der grösste Wertkiller für unsanierte Häuser ist nicht allein der technische Zustand, sondern die schwindende Finanzierbarkeit für Käufer.

  • Preisabschläge von über 50 % sind weniger den reinen Sanierungskosten geschuldet, sondern einem psychologischen Effekt und strengeren Banken-Kriterien.
  • Minimal-invasive Massnahmen, die die Energieklasse von H auf E/F heben, sind oft wertvoller als eine teure Kernsanierung, da sie die „Finanzierbarkeits-Schwelle“ für Käufer überwinden.

Empfehlung: Analysieren Sie vor jeder Investition die drei Optionen: sofort verkaufen (hoher Abschlag), minimal sanieren (Wert stabilisieren) oder kernsanieren (hoher Aufwand). Manchmal ist der schnelle Verkauf die wirtschaftlich sinnvollste Entscheidung.

Die Diskussion um das Gebäudeenergiegesetz (GEG) hat viele Eigentümer älterer Häuser, besonders in ländlichen Gebieten, zutiefst verunsichert. Die Schreckensszenarien von teuren Zwangssanierungen und wertlosen Immobilien machen die Runde. Vielleicht besitzen Sie selbst so ein „Oma-Häuschen“, Baujahr 1965, mit einer alten Ölheizung im Keller, und fragen sich, ob Ihr Eigentum über Nacht wertlos geworden ist. Die gängigen Ratschläge sind bekannt: Fassade dämmen, Fenster tauschen, eine neue Heizung einbauen. Diese Massnahmen sind oft mit Kosten verbunden, die den tatsächlichen Wert der Immobilie in strukturschwachen Regionen übersteigen können.

Doch was, wenn der Fokus auf rein technische Sanierungsmassnahmen zu kurz greift? Was, wenn der wahre Hebel zur Wertsicherung nicht im Dämmstoff, sondern im Verständnis der Käuferpsychologie und der Finanzierungslogik von Banken liegt? Die Angst vor dem Wertverlust ist real, aber sie wird oft von den falschen Faktoren befeuert. Der eigentliche Preisdruck entsteht nicht nur durch die Kosten für eine neue Wärmepumpe, sondern durch eine unsichtbare Barriere: die „Finanzierbarkeits-Schwelle“. Wenn eine Bank einem potenziellen Käufer den Kredit verweigert, ist der Preis fast schon Nebensache.

Dieser Artikel bricht mit dem simplen „Sanieren-oder-Verlieren“-Mantra. Als Immobilienmakler, der täglich mit diesen Objekten in ländlichen Räumen zu tun hat, zeige ich Ihnen eine realistischere Perspektive. Wir analysieren, warum bestimmte Massnahmen den Wert tatsächlich steigern und andere nur teure Liebhaberei sind. Sie werden lernen, wie Sie mit minimalen, strategischen Investitionen den Wert Ihrer Immobilie nicht nur stabilisieren, sondern sie für die richtige Käuferschicht wieder attraktiv machen. Es geht darum, die Immobilie durch die Augen eines Käufers und – noch wichtiger – durch die Brille seiner Bank zu sehen.

In den folgenden Abschnitten werden wir die grössten Preisdrücker entlarven, kosteneffiziente Strategien zur Wertstabilisierung aufzeigen und die entscheidende Frage klären, wann sich eine Sanierung wirklich lohnt – und wann der Verkauf die bessere Option ist.

Warum werden Ölheizungen im Bestand zum grössten Preisdrücker bei Verkaufsverhandlungen?

Eine alte Ölheizung im Keller ist heute mehr als nur eine veraltete Technik; sie ist ein massives Verkaufshemmnis. Der Preisdruck, der von ihr ausgeht, ist enorm. In ländlichen Regionen, wo der Immobilienmarkt ohnehin schon angespannt ist, kann sie den Unterschied zwischen einem zügigen Verkauf und einem monatelangen „Ladenhüter“ ausmachen. Der Grund dafür ist eine toxische Mischung aus harten Kosten und weicher Psychologie. Für Immobilien mit der schlechtesten Energieeffizienzklasse, die oft mit Ölheizungen einhergeht, fallen die Angebotspreise laut einer ImmoScout24-Analyse um über die Hälfte niedriger aus als für vergleichbare, sanierte Objekte.

Drei Schlüsselfaktoren treiben diesen Preisverfall an:

  • Der psychologische Abschlag: Die monatelange öffentliche Debatte und Unsicherheit um das Gebäudeenergiegesetz hat bei potenziellen Käufern tiefe Spuren hinterlassen. Eine Ölheizung wird als tickende Zeitbombe wahrgenommen, verbunden mit unkalkulierbaren Folgekosten und gesetzlichen Pflichten. Dieser psychologische Faktor führt zu einem Risikoabschlag, der oft höher ist als die tatsächlichen Kosten für einen Heizungstausch.
  • Die CO₂-Kosten: Seit 2023 müssen Vermieter bei schlecht isolierten Gebäuden einen Grossteil der CO₂-Abgabe selbst tragen. Auch wenn dies zunächst nur Vermieter betrifft, signalisiert es allen Eigentümern: Fossile Brennstoffe werden politisch gewollt immer teurer. Käufer rechnen diese absehbaren Kostensteigerungen in ihr Kaufangebot mit ein.
  • Die Finanzierungshürde: Dies ist der vielleicht wichtigste Punkt. Banken und Finanzinstitute unterliegen immer strengeren ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance). Eine Immobilie mit einer alten Ölheizung und schlechter Energiebilanz gilt als „braunes“ Investment. Die Folge: Banken verweigern entweder die Finanzierung komplett oder verlangen erhebliche Risikoaufschläge auf die Zinsen. Das schränkt den potenziellen Käuferkreis dramatisch ein und drückt den erzielbaren Preis.

Die Ölheizung ist somit nicht nur ein technisches, sondern vor allem ein strategisches Problem. Sie signalisiert dem Markt ein hohes Risiko, das Käufer nur bereit sind, gegen einen erheblichen Preisnachlass einzugehen.

Wie stabilisieren Sie den Immobilienwert mit minimalen Investitionen vor dem Verkauf?

Angesichts drohender Wertverluste neigen viele Eigentümer zu Panikreaktionen und erwägen teure Komplettsanierungen, die sich oft nicht rechnen. Doch der klügere Weg ist oft die minimal-invasive Wertstabilisierung. Es geht nicht darum, das Haus auf einen Neubaustandard zu heben, sondern darum, die grössten psychologischen und finanziellen Hürden für Käufer aus dem Weg zu räumen. Eine der wirkungsvollsten und kostengünstigsten Massnahmen in diesem Zusammenhang ist die Erstellung eines individuellen Sanierungsfahrplans (iSFP) durch einen zertifizierten Energieberater.

Energieberater zeigt Hausbesitzer den individuellen Sanierungsfahrplan

Ein iSFP ist im Grunde eine detaillierte Anleitung zur schrittweisen energetischen Modernisierung des Gebäudes. Er kostet in der Regel nur wenige hundert Euro, da er staatlich gefördert wird. Sein wahrer Wert liegt jedoch nicht in der Papierschönheit, sondern in seiner psychologischen Wirkung auf Käufer und deren Banken. Statt eines undurchsichtigen „Sanierungsstaus“ präsentiert der Verkäufer einen klaren, von einem Experten geprüften Fahrplan. Dies schafft Transparenz und Vertrauen. Der Käufer weiss genau, welche Massnahmen in welcher Reihenfolge sinnvoll sind und welche Kosten und Förderungen ihn erwarten. Diese Planbarkeit ist Gold wert und reduziert den gefühlten Risikoabschlag erheblich. Für die finanzierende Bank wird aus einem schwer kalkulierbaren Risiko („Energieklasse H“) ein planbares Projekt. Das erhöht die Chance auf eine Finanzierungszusage deutlich.

Neben dem iSFP gibt es weitere kleine Massnahmen mit grosser Wirkung, wie den hydraulischen Abgleich der Heizungsanlage. Diese Optimierung kostet oft unter 1.500 Euro, kann aber die Effizienz um bis zu 15% steigern und die Energieklasse verbessern. Solche gezielten Investitionen zahlen sich beim Verkauf weitaus mehr aus als eine halbherzig durchgeführte, teure Massnahme.

Sanieren oder verkaufen: Was tun mit einem geerbten Haus der Energieklasse H?

Die Erbschaft eines älteren Hauses in schlechter energetischer Verfassung stellt viele vor ein Dilemma. Die emotionale Bindung an das Elternhaus kollidiert mit der harten wirtschaftlichen Realität. Insbesondere für Erben, die selbst bereits im Rentenalter sind oder weit entfernt wohnen, ist eine aufwendige Sanierung oft weder finanziell noch praktisch zu stemmen. Wie der Präsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) treffend bemerkt, ist dies ein weit verbreitetes Problem. Axel Gedaschko erklärte gegenüber der Presse:

Hunderttausende Menschen im Rentenalter vor allem in ländlichen Regionen sind davon betroffen, dass sich die massiven geforderten Investitionen in Höhe von Zehntausenden von Euro für sie nicht lohnen, geschweige denn, dass sie gar keine Kredite dafür bekommen

– Axel Gedaschko, GdW-Präsident

In dieser Situation ist eine nüchterne Analyse der Optionen unerlässlich. Der Sofortverkauf „wie es steht und liegt“ ist eine legitime strategische Entscheidung und kein Scheitern. Er bietet schnelle Liquidität und erspart den Stress und das Risiko einer Sanierung, deren Kosten den erzielbaren Mehrwert oft nicht rechtfertigen.

Eine Analyse verschiedener Szenarien, wie sie oft in Marktberichten zu finden ist, kann bei der Entscheidung helfen. Die folgende Tabelle verdeutlicht die finanziellen Konsequenzen für ein typisches geerbtes Haus aus den 1960er Jahren, basierend auf aktuellen Marktdaten für Altbauten.

Drei Szenarien für ein Oma-Häuschen von 1965
Szenario Investition Marktwert Netto-Ergebnis
Sofortverkauf (Klasse H) 0€ -45% unter Referenzwert Schnelle Liquidität, hoher Verlust
Minimal-Sanierung auf Klasse E 5.000-10.000€ -28% unter Referenzwert Moderate Wertsteigerung
Kernsanierung auf Klasse B 50.000-80.000€ (abzgl. 30-70% Förderung) Referenzwert erreicht Maximale Wertsteigerung, hoher Aufwand

Die Tabelle zeigt: Der Sofortverkauf führt zum grössten prozentualen Abschlag, aber ohne jeglichen Aufwand und Risiko. Die Kernsanierung maximiert den Wert, erfordert aber eine hohe Vorabinvestition und birgt das Risiko von Kostenüberschreitungen. Die Minimal-Sanierung, die darauf abzielt, die Immobilie über die kritische „Finanzierbarkeits-Schwelle“ zu heben (siehe Abschnitt 6), stellt oft den besten Kompromiss aus Aufwand und Ertrag dar. Sie reduziert den Preisabschlag signifikant bei überschaubaren Kosten.

Die Gefahr der „Stranded Assets“: Wenn Ihre Immobilie unverkäuflich wird

In der Finanzwelt spricht man von einem „Stranded Asset“, einem gestrandeten Vermögenswert, wenn ein Gut durch Marktveränderungen oder neue Regulierungen plötzlich und unerwartet an Wert verliert oder sogar unverkäuflich wird. Genau diese Gefahr droht nun einem Teil des deutschen Immobilienbestands. Die Energiewende wirkt hier als Katalysator. Eine Immobilie, die heute noch als Altersvorsorge galt, kann morgen zu einer finanziellen Belastung werden, für die sich kein Käufer mehr findet. Dieses Risiko ist keine theoretische Spekulation, sondern bereits Realität. Aktuellen Analysen zufolge hat in Deutschland fast jedes 6. Haus die Energieeffizienzklasse G oder H und gilt damit als „Worst Performing Building“, also als Gebäude mit der schlechtesten Leistung.

Für diese Immobilien wird die Luft dünn, besonders wenn weitere negative Faktoren hinzukommen. Experten sprechen von einer „Todes-Kombination“ für den Immobilienwert, die besonders in ländlichen Regionen auftritt. Diese Kombination besteht typischerweise aus folgenden Elementen:

  • Energieeffizienzklasse G oder H: Der offensichtlichste Risikofaktor.
  • Lage in einer demografischen Schrumpfregion: Wo die Nachfrage nach Wohnraum ohnehin schon gering ist, haben es schlechte Immobilien besonders schwer.
  • Hoher Leerstand in der Umgebung: Ein hohes Angebot an Alternativen drückt die Preise zusätzlich.
  • Denkmalschutzauflagen: Diese können notwendige energetische Sanierungen erschweren, verteuern oder sogar unmöglich machen.
  • Fehlende kommunale Wärmeplanung: Ohne eine klare Perspektive für ein Fernwärmenetz müssen Eigentümer die vollen Investitionskosten für eine individuelle Heizlösung allein tragen, was Käufer abschreckt.

Treffen mehrere dieser Faktoren zusammen, kann der Preisabschlag die 50%-Marke deutlich überschreiten und die Immobilie im Extremfall gänzlich unverkäuflich machen. Das bedeutet, dass der Wert nicht nur sinkt, sondern auf null fällt, während die laufenden Kosten (Grundsteuer, Instandhaltung) weiterlaufen. Das Erkennen dieser Risikofaktoren ist für Eigentümer entscheidend, um rechtzeitig eine Verkaufsstrategie zu entwickeln, bevor das Asset endgültig „strandet“.

Wann ist der beste Zeitpunkt für den Heizungstausch, um Förderungen voll mitzunehmen?

Die Entscheidung für einen Heizungstausch ist oft eine finanzielle. Glücklicherweise unterstützt der Staat den Umstieg auf erneuerbare Energien mit umfangreichen Förderungen. Doch das System der Zuschüsse ist ein komplexes Puzzle. Um die maximale Förderung von bis zu 70 % der förderfähigen Kosten (maximal 21.000 € Zuschuss bei einer Investition von 30.000 €) zu erhalten, müssen verschiedene Bausteine korrekt kombiniert werden. Der richtige Zeitpunkt spielt dabei eine entscheidende Rolle, insbesondere wegen eines zeitlich befristeten Bonus.

Die aktuelle Förderung für den Heizungstausch setzt sich wie folgt zusammen:

  • Grundförderung: 30 % der Investitionskosten gibt es für den Einbau einer neuen, klimafreundlichen Heizung (z.B. Wärmepumpe). Dieser Satz ist der stabile Basiszuschuss.
  • Klimageschwindigkeits-Bonus: Dieser beträgt 20 % und ist der zeitkritische Faktor. Ihn erhalten Selbstnutzer, die ihre alte fossile Heizung (z.B. Öl, Kohle, Gasetagen oder eine über 20 Jahre alte Gaszentralheizung) austauschen. Dieser Bonus sinkt ab 2029 schrittweise ab. Wer also den vollen Bonus mitnehmen will, muss bis Ende 2028 handeln.
  • Einkommensbonus: Weitere 30 % gibt es für Haushalte mit einem zu versteuernden Jahreseinkommen von bis zu 40.000 €.

Alle Boni sind kumulierbar, aber die Gesamtförderung ist bei 70 % gedeckelt. Der „Sweet Spot“ für den Tausch liegt also in den nächsten Jahren, um den vollen Klimageschwindigkeits-Bonus zu sichern. Wichtig ist auch eine formale Änderung seit 2024: Der Förderantrag bei der BAFA (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) muss erst nach der Beauftragung des Handwerkers gestellt werden. Voraussetzung ist, dass der Vertrag eine aufschiebende Bedingung enthält, die ihn an die Förderzusage knüpft. Dies gibt Eigentümern Planungssicherheit.

Wann schlägt sich der Sprung von Klasse F auf C im Verkaufspreis nieder?

Viele Eigentümer fragen sich, wie viel eine Sanierung konkret in Euro und Cent beim Verkaufspreis bringt. Während Studien für effiziente Wohnungen teils erhebliche Preisaufschläge zeigen, ist die Realität bei Einfamilienhäusern auf dem Land komplexer. Der entscheidende Wertzuwachs entsteht oft nicht durch einen linearen Preisanstieg pro verbesserter Energieklasse, sondern durch das Überspringen einer unsichtbaren Hürde: der „Finanzierbarkeits-Schwelle“.

Immobilien der Klassen G und H werden von Banken zunehmend als toxische Assets betrachtet. Ein Käufer, selbst wenn er willens und in der Lage wäre, den Kaufpreis zu zahlen, erhält oft schlichtweg keinen Kredit. Der Verkäufer ist dann auf einen winzigen Kreis von reinen Barkäufern beschränkt, was den Preis massiv drückt. Eine Sanierung, die eine Immobilie von Klasse G oder F auf Klasse D oder C hebt, bewirkt hier ein kleines Wunder. Sie erweitert den potenziellen Käuferkreis dramatisch, wie eine Analyse der aktuellen Marktlage verdeutlicht. Plötzlich ist die Immobilie für eine breite Schicht von Käufern wieder finanzierbar, die auf einen Bankkredit angewiesen sind.

Dieser Effekt ist oft wichtiger als der reine monetäre Mehrwert der Sanierung selbst. Mehr finanzierungsfähige Interessenten bedeuten mehr Wettbewerb, was zu einem schnelleren Verkauf und besseren Geboten führt. Der Sprung über die Finanzierbarkeits-Schwelle ist der eigentliche „Game Changer“. Der Unterschied zwischen Klasse F und C ist also nicht nur eine Zahl im Energieausweis. Es ist der Unterschied zwischen einem sehr kleinen, preissensiblen Käuferkreis und einem breiten, konkurrierenden Markt. Der Preis schlägt sich also nicht nur als Aufschlag nieder, sondern vor allem in der grundsätzlichen Verkäuflichkeit und der Geschwindigkeit des Verkaufs.

Für Verkäufer bedeutet das: Eine Investition, die das Haus von „nicht finanzierbar“ auf „finanzierbar“ hebt, hat den höchsten Return on Investment – selbst wenn sie nicht zu einem A+-Standard führt.

Warum dürfen Sie noch eine Gasheizung einbauen, solange Ihre Stadt keinen Wärmeplan hat?

Es ist eine der verwirrendsten Regelungen im neuen Heizungsgesetz: Obwohl der Abschied von fossilen Brennstoffen beschlossen ist, ist der Einbau einer neuen Gasheizung unter bestimmten Bedingungen weiterhin erlaubt. Dies gilt, solange Ihre Kommune noch keine verbindliche kommunale Wärmeplanung vorgelegt hat. Diese Übergangsfristen sind jedoch kein Freifahrtschein für Gas, sondern eine technologische Wette mit hohem Risiko für den Eigentümer.

Die Regelung im Detail:

  • In Grossstädten mit über 100.000 Einwohnern muss die Wärmeplanung bis zum 30. Juni 2026 vorliegen. Bis dahin ist der Einbau von Gasheizungen noch möglich.
  • In kleineren Gemeinden und Städten gilt eine längere Frist bis zum 30. Juni 2028.
  • Wichtig ist jedoch die Pflicht zur schrittweisen Nutzung erneuerbarer Energien: Ab 2029 müssen neu eingebaute fossile Heizungen einen Anteil von mindestens 15 % Biogas oder Wasserstoff nutzen, der bis 2045 auf 100 % ansteigt.

Die Idee hinter dieser Übergangsfrist ist nicht, den Weiterbetrieb mit Erdgas zu fördern. Sie ist eine technologische Offenheit, die darauf spekuliert, dass die bestehenden Gasnetze zukünftig mit „grünen Gasen“ wie Wasserstoff betrieben werden könnten. Der Einbau einer sogenannten „H2-Ready“-Heizung erscheint hier verlockend. Doch Experten warnen: Es ist ein hochriskantes privates Investment. Niemand kann heute garantieren, ob und wann Wasserstoff flächendeckend und zu bezahlbaren Preisen für Privathaushalte zur Verfügung stehen wird. Zudem erfordert die tatsächliche Umrüstung einer „H2-Ready“-Heizung auf 100 % Wasserstoff zusätzliche Kosten für den Austausch von Komponenten. Sie kaufen also eine teure Wette auf die Zukunft, während der Wiederverkaufswert Ihrer Immobilie durch die Abhängigkeit von einem unsicheren Energieträger potenziell sinkt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Wert einer Immobilie wird heute weniger von der Wohnfläche als von der Energieklasse und der damit verbundenen Finanzierbarkeit für Käufer bestimmt.
  • Minimal-invasive, kostengünstige Massnahmen (z.B. Dämmung der obersten Geschossdecke, hydraulischer Abgleich) haben oft den höchsten Return on Investment, da sie die Energieklasse mit geringem Aufwand verbessern.
  • Der Verkauf eines unsanierten Hauses ist eine legitime wirtschaftliche Strategie, die oft sinnvoller ist als eine teure Sanierung ohne klaren Mehrwert.

Welche Sanierungsmassnahmen steigern den Wert Ihrer Bestandsimmobilie am effektivsten?

Wenn die Entscheidung gegen einen Sofortverkauf und für eine Sanierung gefallen ist, stellt sich die Frage: Wohin soll das Geld fliessen? Nicht jede Massnahme, die Energie spart, steigert auch proportional den Immobilienwert. Der Schlüssel liegt darin, sich auf die Massnahmen mit dem besten Kosten-Nutzen-Verhältnis (ROI – Return on Investment) zu konzentrieren. Ziel ist es, mit möglichst geringem Einsatz einen maximalen Effekt auf die Energieeffizienzklasse und die Wahrnehmung der Käufer zu erzielen.

Anstatt blind die teuerste Massnahme – die Fassadendämmung – anzugehen, lohnt sich ein Blick auf die „Low-Hanging Fruits“. Diese bringen oft eine erhebliche Verbesserung für einen Bruchteil der Kosten. Die folgende Matrix, basierend auf Erfahrungswerten und Analysen von Immobilienportalen, gibt einen Überblick über die Effektivität verschiedener Massnahmen.

ROI-Matrix: Sanierungsmassnahmen nach Kosten-Nutzen-Verhältnis
Massnahme Kosten Wertsteigerung Energieeinsparung ROI
Hydraulischer Abgleich 500-1.500€ Gering 10-15% Sehr hoch
Dämmung oberste Geschossdecke 2.000-5.000€ Mittel 20% Hoch
Dämmung Kellerdecke 3.000-8.000€ Mittel 10% Mittel
Fenstertausch 15.000-25.000€ Hoch 15-20% Mittel
Fassadendämmung 20.000-40.000€ Sehr hoch 25-30% Mittel-Hoch

Die Daten zeigen klar: Der hydraulische Abgleich und die Dämmung der obersten Geschossdecke sind die ungeschlagenen Champions in Sachen ROI. Sie sind günstig, schnell umzusetzen und bringen eine beachtliche Energieeinsparung, was sich direkt im Energieausweis niederschlägt. Diese beiden Massnahmen sollten immer der erste Schritt sein. Erst danach sollten teurere Investitionen wie der Fenstertausch oder die Fassadendämmung in Betracht gezogen werden, idealerweise auf Basis eines individuellen Sanierungsfahrplans (iSFP).

Ihre 5-Punkte-Checkliste zur Wert-Analyse

  1. Energieausweis prüfen: Identifizieren Sie die aktuelle Energieeffizienzklasse. Liegt sie bei G oder H, ist das Risiko eines hohen Wertverlusts maximal.
  2. „Low-Hanging Fruits“ identifizieren: Prüfen Sie, ob Massnahmen mit sehr hohem ROI (hydraulischer Abgleich, Dämmung oberste Geschossdecke) bereits umgesetzt wurden. Wenn nicht, sind dies Ihre Priorität Nr. 1.
  3. Kommunale Wärmeplanung abfragen: Kontaktieren Sie Ihre Gemeinde und fragen Sie nach dem Stand der Wärmeplanung. Die Existenz oder das Fehlen eines Plans beeinflusst die Entscheidung für oder gegen eine neue Heizung massiv.
  4. Drei Szenarien durchrechnen: Erstellen Sie eine grobe Kalkulation für Ihre Immobilie: Was ist der geschätzte Verkaufspreis „as-is“? Was kostet eine Minimal-Sanierung auf Klasse E und was wäre der potenzielle Verkaufspreis danach? Was würde eine Kernsanierung kosten?
  5. Persönliche Situation bewerten: Bewerten Sie ehrlich Ihr Budget, Ihre Zeit und Ihre Risikobereitschaft. Passt eine aufwendige Sanierung wirklich zu Ihrer Lebenssituation, oder ist ein schneller, sauberer Verkauf die bessere Lösung?

Die Anwendung dieser Checkliste hilft Ihnen, eine fundierte, datengestützte Entscheidung über die effektivsten Massnahmen für Ihre Immobilie zu treffen.

Der nächste logische Schritt ist nicht, sofort den Handwerker zu rufen, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme Ihrer Immobilie und Ihrer persönlichen finanziellen Situation vorzunehmen. Bewerten Sie die Optionen realistisch, um die für Sie beste Entscheidung zu treffen und den Wert Ihres Eigentums in diesen turbulenten Zeiten zu sichern.

Geschrieben von Sabine Müller-Kröger, Architektin und zertifizierte Energieberaterin (DENA) mit Schwerpunkt auf energetischer Sanierung von Bestandsgebäuden. Expertin für Bauphysik, Dämmstoffe und staatliche Förderprogramme (BAFA/KfW).