Veröffentlicht am Mai 11, 2024

Ihr Haushalt ist nicht länger nur ein Kostenfaktor, sondern ein potenzieller Ertragsbringer im deutschen Stromnetz.

  • Durch die aktive Steuerung von Wärmepumpe und E-Auto nach Börsenstrompreisen senken Sie Ihre Stromrechnung drastisch.
  • Indem Sie Ihre Flexibilität (z.B. über bidirektionales Laden oder virtuelle Kraftwerke) dem Netz zur Verfügung stellen, können Sie zusätzliche Einnahmen generieren.

Empfehlung: Analysieren Sie Ihre steuerbaren Verbraucher (Wärmepumpe, E-Auto) und prüfen Sie die Verfügbarkeit dynamischer Stromtarife in Ihrer Region.

In immer mehr deutschen Nachbarschaften surren Wärmepumpen und laden Elektroautos leise in den Einfahrten. Was wie ein Triumph der Energiewende aussieht, ist für das lokale Stromnetz eine stille Belastungsprobe. Die gängige Antwort darauf ist oft, dass intelligente Netze, sogenannte Smart Grids, dabei helfen, „Geld zu sparen“ und die „Energiewende zu schaffen“. Doch diese Sichtweise greift zu kurz und positioniert Sie, den Hausbesitzer, als passiven Empfänger.

Die wahre Revolution liegt in einem Perspektivwechsel: Was, wenn die entscheidende Frage nicht lautet, wie Sie Kosten vermeiden, sondern wie Sie aktiv Geld verdienen? Ein intelligentes Stromnetz verwandelt Ihren Haushalt von einem reinen Endverbraucher in einen aktiven, systemrelevanten Baustein der nationalen Energieinfrastruktur. Es geht nicht mehr nur um das Verbrauchen von Strom, sondern um das gezielte Management von Lasten und das Monetarisieren Ihrer Flexibilität. Ihr Zuhause wird zu einem kleinen, aber entscheidenden Kraftwerk im großen Verbund.

Dieser Artikel erklärt Ihnen aus der Perspektive eines Netz-Ingenieurs die konkreten technischen und finanziellen Mechanismen dahinter. Wir beleuchten, wie Sie nicht nur drohende lokale Überlastungen abwenden, sondern Ihre Geräte automatisiert nach den günstigsten Preisen steuern, welche Rolle Ihr E-Auto als Speicher spielen kann und wie Sie durch die Teilnahme an virtuellen Kraftwerken eine neue Einnahmequelle erschließen. Sie werden verstehen, warum Ihr Beitrag für die Stabilität des gesamten deutschen Netzes unverzichtbar wird.

Um die verschiedenen Facetten dieser technologischen Revolution zu verstehen, haben wir die wichtigsten Aspekte für Sie strukturiert. Der folgende Überblick führt Sie durch die zentralen Mechanismen, finanziellen Anreize und technologischen Voraussetzungen, die Ihren Haushalt zum intelligenten Akteur im Stromnetz der Zukunft machen.

Warum droht ohne Smart Grids in Ihrem Viertel der Blackout durch E-Autos?

Stellen Sie sich eine typische deutsche Neubausiedlung an einem kalten Winterabend vor. Die Bewohner kommen von der Arbeit nach Hause und fast gleichzeitig geschieht Folgendes: Mehrere Wärmepumpen springen an, um die Häuser zu heizen, und eine wachsende Anzahl von Elektroautos wird an die Wallboxen angeschlossen. Diese extreme Gleichzeitigkeit des Verbrauchs erzeugt eine immense Lastspitze, für die das lokale Ortsnetz, oft jahrzehntealt, nicht ausgelegt ist. Die Folge kann eine lokale Überlastung sein, die im schlimmsten Fall zum Ausfall der Stromversorgung in Ihrem Straßenzug führt – ein lokaler Blackout.

Das Problem ist nicht die Elektromobilität an sich. Studien zeigen, dass das deutsche Stromnetz als Ganzes die zusätzliche Last gut bewältigen kann. Eine E.ON-Studie von 2019 kam bereits zu dem Ergebnis, dass das Netz problemlos einen 30 Prozent E-Auto-Anteil verkraftet. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Verteilung auf der untersten Ebene, der sogenannten „letzten Meile“ zu Ihrem Haus. Hier agiert ein herkömmliches „dummes“ Netz blind: Es weiß nicht, wann und wo hohe Lasten auftreten werden.

Ein Smart Grid löst dieses Problem durch Kommunikation und intelligente Steuerung. Anstatt dass alle Autos um 18 Uhr mit voller Leistung zu laden beginnen, kann das Netz die Ladevorgänge intelligent verteilen. Einige Fahrzeuge laden sofort, andere beginnen um 20 Uhr, wieder andere in der Nacht – je nach Netzauslastung und den Präferenzen der Besitzer. Das Pilotprojekt C/sells in Baden-Württemberg hat in der Gemeinde Freiamt gezeigt, wie ein solches System in der Praxis funktioniert. Dort wurde erfolgreich erprobt, wie ein lokales Netz mit hohem Solarstromanteil durch intelligente Steuerung stabil gehalten werden kann. Das Smart Grid agiert hier als Verkehrsregler für Elektronen und verhindert den Kollaps, indem es Lasten gezielt verschiebt (Lastverschiebung).

Wie steuern Sie Ihre Wärmepumpe automatisch nach dem Börsenstrompreis?

Die wahre Stärke eines Smart Grids für Sie als Hausbesitzer liegt nicht nur in der Stabilisierung des Netzes, sondern in der aktiven Kostenoptimierung. Anstatt Strom zu einem fixen Preis zu beziehen, ermöglichen dynamische Stromtarife Ihnen den Einkauf von Energie zum aktuellen Börsenpreis. Dieser schwankt im Tagesverlauf erheblich: Wenn viel Wind- und Sonnenenergie verfügbar ist, kann der Preis sehr niedrig oder sogar negativ sein. Ihre Aufgabe ist es, große Verbraucher wie die Wärmepumpe genau dann laufen zu lassen.

Manuell ist dies kaum zu bewältigen. Die Lösung ist ein Home Energy Management System (HEMS), das diese Aufgabe für Sie automatisiert. Das HEMS agiert als Gehirn Ihres Hauses. Es kennt die Wettervorhersage, die aktuellen Börsenstrompreise (z.B. vom EPEX-Spotmarkt) und den Zustand Ihrer Wärmepumpe inklusive ihres Pufferspeichers. Anstatt die Pumpe bei Bedarf stur einzuschalten, entscheidet das System intelligent: Es lädt den Wärmespeicher in den Stunden mit dem günstigsten Strom voll auf, sodass die teuren Abendstunden überbrückt werden können, ohne dass die Heizung kalt wird.

Moderne Wärmepumpe mit intelligentem Steuerungssystem in einem deutschen Eigenheim

Voraussetzung dafür ist eine „SG-Ready“-fähige Wärmepumpe. Dieses Label („Smart Grid Ready“) signalisiert, dass die Pumpe über Schnittstellen verfügt, die eine externe Ansteuerung durch ein HEMS oder den Netzbetreiber erlauben. In Kombination mit einem dynamischen Stromtarif von Anbietern wie Tibber oder aWATTar und einem Smart Meter wird so aus einem reinen Verbraucher ein preissensibler Akteur, der seinen Energiebezug aktiv optimiert.

Ihr Plan zur automatisierten Heizkostenoptimierung

  1. SG-Ready-Label prüfen: Stellen Sie sicher, dass Ihre Wärmepumpe über das „Smart Grid Ready“-Label verfügt und für die externe Steuerung vorbereitet ist.
  2. Dynamischen Tarif wählen: Suchen Sie einen Energieversorger, der dynamische, an den Börsenpreis gekoppelte Tarife anbietet (z.B. Tibber, aWATTar, Octopus Energy).
  3. Intelligenten Zähler installieren: Beantragen Sie bei Ihrem Messstellenbetreiber die Installation eines Smart Meters, falls noch nicht vorhanden.
  4. HEMS implementieren: Wählen und installieren Sie ein Home Energy Management System, das mit Ihrer Wärmepumpe und dem Stromanbieter kompatibel ist.
  5. Pufferspeicher optimieren: Konfigurieren Sie das System so, dass Ihr Pufferspeicher als thermische Batterie genutzt wird, um günstige Energie für teure Stunden zu speichern.

Bidirektionales Laden oder Heimspeicher: Was lohnt sich für die Netzunabhängigkeit?

Die Fähigkeit, Strom nicht nur zu verbrauchen, sondern auch zu speichern und bei Bedarf wieder abzugeben, ist der nächste Schritt zur Monetarisierung Ihrer Flexibilität. Hier konkurrieren zwei Technologien: der klassische stationäre Heimspeicher und das E-Auto als mobiler Speicher durch bidirektionales Laden (Vehicle-to-Grid, V2G, oder Vehicle-to-Home, V2H). Beide Ansätze haben das Ziel, Ihre Unabhängigkeit vom Netz zu erhöhen und Kosten zu senken, verfolgen aber unterschiedliche Wege mit spezifischen Vor- und Nachteilen.

Der Heimspeicher ist eine etablierte Technologie. Er ist fest installiert, 24/7 verfügbar und optimiert primär den Eigenverbrauch Ihrer PV-Anlage. Seine Kapazität ist mit 5-20 kWh jedoch begrenzt. Das bidirektionale Laden nutzt die wesentlich größere Batterie Ihres E-Autos (40-100 kWh) als Speicher. Damit können Sie nicht nur Ihr Haus versorgen (V2H), sondern den Strom auch aktiv ins Netz zurückspeisen und damit Geld verdienen (V2G). Der entscheidende Nachteil ist die Abhängigkeit von der Verfügbarkeit des Fahrzeugs: Steht das Auto nicht zu Hause, steht auch der Speicher nicht zur Verfügung.

Die folgende Tabelle stellt die beiden Konzepte gegenüber und basiert auf einer detaillierten Analyse von ingenieur.de, die auch das immense Potenzial für das deutsche Netz beleuchtet.

Vergleich: Bidirektionales Laden vs. Heimspeicher
Kriterium Bidirektionales Laden (V2H/V2G) Heimspeicher
Investitionskosten 5.000-10.000 € (Wallbox + Installation) 7.000-15.000 € (10-15 kWh)
Verfügbarkeit in Deutschland Ab 2026 wirtschaftlich möglich Sofort verfügbar
Speicherkapazität 40-100 kWh (je nach E-Auto) 5-20 kWh typisch
Jährliche Einsparung Bis zu 700 € pro Haushalt 300-600 € bei PV-Kombination
Flexibilität Abhängig von Fahrzeugverfügbarkeit 24/7 verfügbar
Lebensdauer 8-10 Jahre (Batteriedegradation) 10-15 Jahre

Die Entscheidung hängt von Ihrem Nutzungsprofil ab. Für Pendler, deren Auto tagsüber nicht zu Hause ist, bleibt der Heimspeicher zur Optimierung des PV-Eigenverbrauchs oft die bessere Wahl. Für Haushalte, in denen das E-Auto häufig und zu kritischen Zeiten verfügbar ist, eröffnet V2G ein enormes finanzielles Potenzial. Das kollektive Speicherpotenzial von 3,3 bis 5,0 GWh, das schon bei einer Anschlussquote von 20-30 % der deutschen E-Auto-Flotte erreicht würde, zeigt die systemische Bedeutung dieser Technologie für die Netzstabilität der Zukunft.

Die Sicherheitslücke im Smart Meter, die Hacker theoretisch nutzen könnten

Die Vorstellung, dass der eigene Stromverbrauch oder sogar die Steuerung von Geräten im Haus aus der Ferne manipuliert werden könnten, ist beunruhigend. Die Sicherheit der intelligenten Messsysteme ist daher kein Nebenschauplatz, sondern die absolute Kernanforderung für den Aufbau eines vertrauenswürdigen Smart Grids. Theoretisch stellt jede Kommunikationsschnittstelle ein potenzielles Einfallstor für Hacker dar. Angreifer könnten versuchen, Verbrauchsdaten zu fälschen, Geräte lahmzulegen oder im schlimmsten Fall koordinierte Angriffe auf das Stromnetz zu starten.

Genau aus diesem Grund ist der Smart-Meter-Rollout in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern so langsam und methodisch. Die Verantwortung für die technischen Sicherheitsstandards liegt beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Das BSI hat für die zentralen Komponenten des Systems, insbesondere das Smart Meter Gateway, extrem hohe Hürden definiert. Das Gateway fungiert als gesicherter Kommunikationskanal und Firewall zwischen Ihrem Heimnetz und der Außenwelt (Netzbetreiber, Messstellenbetreiber, Energieversorger).

Jedes in Deutschland verbaute Gateway muss eine aufwendige BSI-Zertifizierung durchlaufen. Dieser Prozess ist so anspruchsvoll, dass er die Markteinführung über Jahre verzögert hat. Wie die EnBW treffend zusammenfasst, ist dieser langsame Prozess ein direktes Resultat der hohen Anforderungen:

Die strengen Sicherheitsanforderungen des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) führten dazu, dass lange nur wenige zugelassene Geräte auf dem Markt waren.

– EnBW, Wie Smart Grids unsere Energieversorgung verbessern

Die Sicherheitsarchitektur ist mehrstufig: Verschlüsselte Kommunikation, getrennte Netze für verschiedene Akteure und strenge Authentifizierungsverfahren sollen unbefugte Zugriffe verhindern. Die „Sicherheitslücke“ ist also weniger eine offene Tür als vielmehr ein hochkomplexes Schloss, für das das BSI die Schlüssel entwirft. Die deutsche Gründlichkeit ist in diesem Fall kein Hindernis, sondern die wichtigste Vertrauensgarantie für die Teilnahme am Smart Grid.

Wann werden variable Netzentgelte zur Pflicht für alle deutschen Haushalte?

Seit dem 1. Januar 2024 ist mit der Novellierung des § 14a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) ein entscheidender Meilenstein für die Digitalisierung der Energiewende in Kraft getreten. Diese Regelung schafft nicht nur die Grundlage für die netzdienliche Steuerung von Verbrauchern, sondern etabliert auch einen finanziellen Anreiz für betroffene Haushalte: variable Netzentgelte. Eine generelle Pflicht für alle deutschen Haushalte gibt es zwar nicht, aber für Betreiber von neuen, steuerbaren Verbrauchseinrichtungen mit mehr als 4,2 kW Leistung (wie Wärmepumpen oder private Ladeeinrichtungen) wird die Teilnahme am System quasi zum Standard.

Im Gegenzug für die Bereitschaft, die Leistung ihrer Geräte bei drohender Netzüberlastung temporär reduzieren zu lassen, erhalten diese Haushalte eine Kompensation. Diese wird über eine Reduzierung der Netzentgelte realisiert. Die Regelung sieht zwei Modelle vor: Entweder eine pauschale jährliche Gutschrift oder ein prozentualer Rabatt auf den Arbeitspreis. Laut Branchenschätzungen beträgt die pauschale Reduzierung der Netzentgelte nach § 14a EnWG je nach Netzgebiet 110-190 € pro Jahr. Dieses Geld erhalten Sie nicht für eine tatsächliche Drosselung, sondern bereits für die reine Bereitstellung der technischen Möglichkeit zur Steuerung.

Installation eines Smart Meters in einem deutschen Haushalt

Diese Regelung beschleunigt indirekt auch den Smart-Meter-Rollout. Denn um die Steuerungssignale zu empfangen und die reduzierten Netzentgelte abrechnen zu können, ist ein intelligentes Messsystem zwingend erforderlich. Haushalte mit einem Jahresverbrauch über 6.000 kWh oder einer PV-Anlage über 7 kWp haben bereits heute einen Anspruch auf den Einbau. Mit § 14a EnWG kommt nun eine große Gruppe neuer Haushalte hinzu. Die variablen Netzentgelte sind somit nicht nur eine „Pflicht“, sondern vor allem der zentrale finanzielle Hebel des Gesetzgebers, um die Flexibilität im Niederspannungsnetz für alle Beteiligten attraktiv zu machen.

Wann ersetzen virtuelle Kraftwerke die ersten konventionellen Gaskraftwerke komplett?

Ein virtuelles Kraftwerk (VPP – Virtual Power Plant) ist kein physisches Gebäude, sondern ein intelligenter Zusammenschluss von Tausenden dezentraler Energieeinheiten. Dazu gehören PV-Anlagen, Blockheizkraftwerke, aber zunehmend auch die Heimspeicher und E-Autos von Privathaushalten wie Ihrem. Eine zentrale Leitstelle bündelt diese kleinen Einheiten und steuert sie so, als wären sie ein einziges großes, flexibles Kraftwerk. Dieses VPP kann dann am Energiemarkt teilnehmen und Systemdienstleistungen erbringen, die bisher großen Gaskraftwerken vorbehalten waren.

Die wichtigste dieser Dienstleistungen ist die Regelleistung. Das Stromnetz muss konstant bei einer Frequenz von 50 Hertz gehalten werden. Weicht die Frequenz ab, müssen Kraftwerke innerhalb von Sekunden ihre Leistung anpassen, um das Netz zu stabilisieren. Virtuelle Kraftwerke, die aus Tausenden von Heimspeicherbatterien bestehen, können diese Aufgabe extrem schnell und präzise erfüllen. Indem sie koordiniert Strom aufnehmen oder abgeben, stabilisieren sie das Netz.

Praxisbeispiel: sonnenVPP als Pionier

Das Unternehmen sonnen hat bereits 2018 mit seinem sonnenVPP als erstes virtuelles Kraftwerk aus vernetzten Heimspeichern die Zulassung für die Erbringung von Primärregelleistung (FCR) in Deutschland erhalten. Seitdem können die teilnehmenden Haushalte aktiv zur Netzfrequenzstabilisierung beitragen. Dieses Modell zeigt, dass die Bündelung dezentraler Speicher nicht nur technisch machbar, sondern auch wirtschaftlich rentabel ist.

Für Sie als Besitzer eines Heimspeichers oder eines bidirektional ladefähigen E-Autos bedeutet die Teilnahme an einem VPP eine direkte Einnahmequelle. Aggregatoren wie sonnen, Next Kraftwerke oder Lichtblick zahlen Ihnen eine jährliche Prämie dafür, dass Sie einen kleinen Teil Ihrer Batteriekapazität für die Netzstabilisierung zur Verfügung stellen. Diese typischen jährlichen Erlöse von 100-200 € pro Jahr sind der Lohn für Ihre „Netzdienlichkeit“. Während einzelne VPPs heute noch keine Gaskraftwerke komplett ersetzen, wird ihre wachsende kollektive Leistung sie in Zukunft zu einem entscheidenden Faktor machen, um die Versorgungssicherheit ohne fossile Backup-Kraftwerke zu gewährleisten.

Gateway als Dirigent: Wie drosselt der Netzbetreiber Ihre Wärmepumpe im Notfall?

Die Vorstellung, dass der Netzbetreiber die eigene Wärmepumpe oder Wallbox „drosselt“, klingt zunächst nach Kontrollverlust. In der Praxis ist dieser Eingriff jedoch ein seltener, präzise definierter und finanziell kompensierter Vorgang, der einem Blackout vorbeugt. Es handelt sich nicht um eine komplette Abschaltung, sondern um eine temporäre Reduzierung der Leistungsaufnahme auf einen garantierten Mindestwert, der in der Regel bei 4,2 kW liegt. Ihr Haus bleibt also warm und Ihr Auto lädt weiter, nur langsamer.

Der Dirigent bei diesem Vorgang ist das Smart Meter Gateway. Es ist die einzige Komponente, die das sichere Signal des Netzbetreibers empfangen und an die nachgeschaltete Steuerbox weiterleiten darf. Der Prozess läuft streng standardisiert ab: 1. Der Netzbetreiber identifiziert eine drohende, lokale Überlastung in Ihrem Netzsegment. 2. Er sendet ein verschlüsseltes Steuersignal über das Gateway an die betroffenen Haushalte. 3. Die Steuerbox am Zählerschrank setzt das Signal um und reduziert die Leistung Ihrer Wärmepumpe oder Wallbox auf die garantierte Mindestleistung. 4. Der Eingriff dauert nur so lange wie nötig, meist nicht länger als zwei Stunden. 5. Jeder Steuerungseingriff wird im Gateway protokolliert und ist für Sie transparent nachvollziehbar.

Die Praxistauglichkeit solcher Systeme wurde in Deutschland bereits in Feldversuchen erprobt.

Feldtest: Netze BW in Ostfildern

In Ostfildern bei Stuttgart hat die Netze BW zehn Eigenheime mit E-Autos (u.a. VW e-Golf, BMW i3) und leistungsstarken 22-kW-Wallboxen ausgestattet. In diesem realen Umfeld wurde das intelligente Lastmanagement erfolgreich getestet, um zu demonstrieren, wie lokale Netzengpässe durch gezielte Steuerung vermieden werden können, ohne den Komfort der Nutzer einzuschränken.

Die netzdienliche Steuerung ist also kein willkürlicher Eingriff, sondern ein koordinierter, transparenter Notfallmechanismus. Die finanzielle Kompensation nach § 14a EnWG erhalten Sie dabei nicht pro Eingriff, sondern pauschal für Ihre Bereitschaft, am System teilzunehmen. Sie werden also dafür bezahlt, ein Teil der Lösung für die Netzstabilität zu sein.

Das Wichtigste in Kürze

  • Intelligente Netze verhindern lokale Überlastungen durch die gezielte Steuerung von Großverbrauchern wie E-Autos und Wärmepumpen.
  • Durch die automatisierte Ausrichtung des Verbrauchs an günstigen Börsenstrompreisen können Haushalte ihre Energiekosten signifikant senken.
  • Haushalte können durch die Bereitstellung von Flexibilität (z.B. über V2G oder virtuelle Kraftwerke) aktiv Geld verdienen und eine systemische Rolle einnehmen.

Warum brauchen Sie zwingend ein Gateway für dynamische Stromtarife?

Auf den ersten Blick mag es umständlich erscheinen, für die Nutzung dynamischer Stromtarife ein komplexes und teures Smart Meter Gateway installieren zu müssen, während ein einfacher digitaler Zähler doch auch den Verbrauch messen kann. Der Grund für diese strikte Anforderung liegt in einem einzigen, nicht verhandelbaren Prinzip: Sicherheit. Das deutsche Energienetz ist eine kritische Infrastruktur, und jede Manipulation daran kann verheerende Folgen haben. Ein einfacher digitaler Zähler ist nicht dafür ausgelegt, sicher mit der Außenwelt zu kommunizieren.

Das Smart Meter Gateway hingegen ist von Grund auf als Hochsicherheitstresor für die Kommunikation konzipiert. Es erfüllt die strengen Auflagen des BSI und stellt sicher, dass nur autorisierte Marktteilnehmer (wie Ihr Netzbetreiber oder Ihr Energieversorger) auf die jeweils für sie freigegebenen Daten zugreifen können – und das über streng getrennte, verschlüsselte Kanäle. Es verhindert, dass ein Hacker über das Internet auf Ihre Verbrauchsdaten zugreifen oder gar Ihre Wärmepumpe manipulieren kann.

Nur das Gateway erfüllt die vom BSI geforderten, extrem hohen Sicherheitsstandards, um die kritische Infrastruktur Energieversorgung vor Manipulation zu schützen.

– DKE, Smart Grid: Intelligentes Stromnetz für die Energiewende

Für dynamische Tarife ist diese sichere Kommunikation essenziell, da Ihr Verbrauch viertelstundengenau erfasst und an den Energieversorger übermittelt werden muss, um eine korrekte Abrechnung nach Börsenpreis zu ermöglichen. Das Gateway ist der einzige gesetzlich zugelassene Weg, diese Datenübertragung manipulationssicher zu gestalten. Die Tatsache, dass in Deutschland aktuell nur 1-2 Prozent der Haushalte mit einem solchen Gateway ausgestattet sind, zeigt, wie hoch die Sicherheitslatte liegt und wie sehr der Rollout bisher von der Verfügbarkeit zertifizierter Geräte abhing. Das Gateway ist also nicht nur eine technische Hürde, sondern Ihr persönlicher Sicherheitsgarant in der digitalisierten Energiewelt.

Der erste Schritt ist eine Bestandsaufnahme Ihrer eigenen Flexibilitätspotenziale. Prüfen Sie, welche großen Verbraucher in Ihrem Haushalt bereits heute „smart“ sind oder es werden könnten, und informieren Sie sich proaktiv bei Ihrem Messstellenbetreiber über den Zeitplan für den Smart-Meter-Rollout in Ihrer Region. Die Zukunft des Netzes beginnt in Ihrem Keller.

Häufige Fragen zu Smart Grids in Deutschland

Wer hat ab sofort ein Recht auf einen Smart Meter?

Haushalte mit einem Jahresstromverbrauch über 6.000 kWh oder einer Solaranlage bis zu 7 kW Leistung haben ab sofort ein Recht darauf, ein Smart Meter von ihrem Messstellenbetreiber zu erhalten.

Bis wann sollen Smart Meter flächendeckend installiert sein?

Bis 31.12.2032 sollen 95% der betroffenen Haushalte mit Smart Metern ausgestattet sein. Der schrittweise Einbau beginnt ab 2025.

Profitieren auch Mieter von reduzierten Netzentgelten?

Ja, auch Mieter mit einer Wallbox in der Tiefgarage können von der Reduzierung der Netzentgelte profitieren, wenn die technischen Voraussetzungen geschaffen werden.

Geschrieben von Thomas Weber, Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik und Solarteurexperte mit über 15 Jahren Erfahrung in der Photovoltaik-Branche. Spezialisiert auf Sektorkopplung, Speichertechnologien und Smart-Home-Integration im privaten Wohnbau.