Veröffentlicht am April 18, 2024

Die energetische Sanierung eines 60er-Jahre-Hauses scheitert oft an isolierten Massnahmen, die das bauphysikalische Gleichgewicht stören und zu Schimmel führen.

  • Der Austausch von Fenstern ohne ein angepasstes Lüftungskonzept verwandelt das Haus in eine luftdichte Box und ist die Hauptursache für Feuchtigkeitsschäden.
  • Versteckte Gefahren wie Asbest in Fliesenkleber oder marode Balken sind keine Seltenheit und erfordern einen festen Budgetpuffer von mindestens 20 %.

Empfehlung: Betrachten Sie das Haus als ein Gesamtsystem. Jede Veränderung, von der Dämmung bis zur Heizung, muss auf ihre Wechselwirkungen mit der alten Bausubstanz geprüft werden, um den Wert zu steigern, statt neue Probleme zu schaffen.

Der Erwerb eines Hauses aus den 1960er Jahren ist oft eine Herzensentscheidung. Man verliebt sich in den Charakter, die solide Bausubstanz und das Potenzial, das in den Mauern steckt. Doch auf die anfängliche Euphorie folgt schnell die Erkenntnis, dass eine energetische Modernisierung unumgänglich ist. Die Herausforderung liegt nicht nur in den offensichtlichen Aufgaben, sondern vor allem in den unsichtbaren Wechselwirkungen, die eine gut gemeinte Massnahme in einen kostspieligen Bauschaden verwandeln können.

Der typische Ratschlag lautet: neue Fenster, eine moderne Heizung und eine Fassadendämmung. Das klingt logisch, doch dieser Ansatz ist gefährlich unvollständig. Ein Haus aus dieser Ära ist ein über Jahrzehnte gewachsenes System mit einem eigenen bauphysikalischen Gleichgewicht. Die alten, undichten Fenster sorgten für einen ständigen, unkontrollierten Luftaustausch. Wenn Sie diese „Lüftungsanlage“ durch moderne, dichte Fenster ersetzen, ohne für einen alternativen Luftwechsel zu sorgen, ist das Ergebnis fast vorprogrammiert: Kondenswasser, feuchte Wände und schliesslich Schimmel.

Die wahre Kunst der Altbausanierung liegt nicht darin, eine Checkliste abzuarbeiten, sondern das Haus als einen Patienten zu verstehen. Jede Massnahme ist ein Eingriff, der eine systemische Reaktion im gesamten „Organismus“ des Gebäudes auslöst. Statt einfach Teile auszutauschen, müssen wir die Folgen antizipieren. Die entscheidende Frage ist nicht, *was* saniert werden muss, sondern *wie* die einzelnen Komponenten zusammenspielen müssen, um ein gesundes, energieeffizientes und schimmelfreies Zuhause zu schaffen.

Dieser Leitfaden führt Sie durch die acht kritischsten Aspekte bei der Sanierung eines Hauses aus den 1960ern. Wir beleuchten die versteckten Gefahren, erklären die wichtigsten technischen Zusammenhänge und geben Ihnen das Rüstzeug, um fundierte Entscheidungen zu treffen und Ihr Sanierungsprojekt zum Erfolg zu führen.

Asbest in Fliesenkleber und Eternit: Wo lauern die unsichtbaren Gefahren vor dem Abriss?

Bevor der erste Hammer geschwungen wird, beginnt die Sanierung mit einer detektivischen Aufgabe: der Suche nach Asbest. In den 1960er Jahren galt dieser Baustoff als Wundermittel und wurde grosszügig eingesetzt. Das Problem: Die krebserregenden Fasern werden erst bei Bearbeitung, also beim Bohren, Sägen oder Herausreissen, freigesetzt. Was harmlos aussieht, kann zur ernsten Gesundheitsgefahr und zur Kostenfalle werden. Gerade in Häusern dieser Epoche ist die Wahrscheinlichkeit hoch, auf asbesthaltige Materialien (ABM) zu stossen.

Typische Fundorte sind nicht nur die bekannten grauen Eternitplatten an Fassade oder Dach. Eine der häufigsten, aber oft übersehenen Quellen ist der schwarze Bitumenkleber unter alten Bodenfliesen, besonders in Bad und Küche. Auch alte PVC-Bodenbeläge, sogenannte Flex-Platten, können fest gebundenes Asbest enthalten. Weitere Verdachtsmomente sind alte Rohrisolierungen, Dämmplatten in Nachtspeicheröfen oder sogar Putze und Spachtelmassen. Eine unsachgemässe Entfernung kontaminiert nicht nur das gesamte Haus, sondern führt auch zu hohen Bussgeldern. Die Sanierung von ABM ist streng reglementiert und darf nur von zertifizierten Fachbetrieben nach TRGS 519 durchgeführt werden. Die Kosten für die erforderliche Asbest-Sachkunde nach TRGS 519 liegen zwischen 595 bis 1.195 EUR, was die Notwendigkeit unterstreicht, von Anfang an Profis einzubinden.

Ihr Plan zur Asbest-Prüfung: Verdachtsmomente im 60er-Jahre-Haus

  1. Sichtprüfung durchführen: Suchen Sie gezielt nach typischen Materialien wie welligen oder ebenen Faserzementplatten (Eternit), alten PVC-Bodenfliesen (Flex-Platten) und schwarzem Fliesenkleber.
  2. Bauunterlagen sichten: Prüfen Sie alte Pläne oder Baubeschreibungen auf Produktnamen oder Hinweise auf verwendete Materialien.
  3. Probenahme beauftragen: Bei Verdacht niemals selbst bohren oder brechen! Beauftragen Sie einen zertifizierten Gutachter, der unter Schutzmassnahmen Materialproben entnimmt.
  4. Laboranalyse abwarten: Lassen Sie die Proben in einem akkreditierten Labor analysieren. Nur so erhalten Sie rechtssichere Gewissheit.
  5. Fachbetrieb für Sanierung einholen: Bei positivem Befund holen Sie Angebote von mehreren Fachbetrieben für die Asbestsanierung ein und planen die Kosten fest in Ihr Budget ein.

Die frühzeitige Identifizierung und fachgerechte Beseitigung von Asbest ist kein optionaler Schritt, sondern die absolute Grundlage für eine sichere und rechtlich einwandfreie Sanierung. Die Kosten hierfür müssen von Beginn an im Budget berücksichtigt werden, um spätere, unliebsame Überraschungen zu vermeiden.

Warum müssen Sie Ihr Lüftungsverhalten ändern, wenn die neuen Fenster drin sind?

Dies ist der kritischste Punkt, an dem die meisten Sanierungen von 60er-Jahre-Häusern bauphysikalisch scheitern. Das ursprüngliche Haus hatte eine eingebaute, wenn auch ineffiziente, „Lüftungsanlage“: die undichten Fenster und Fugen. Durch sie fand ein permanenter, unkontrollierter Luftaustausch statt, der Feuchtigkeit abtransportierte. Ersetzen Sie diese durch moderne, hochdichte Fenster, kappen Sie diese Lebensader. Das Ergebnis ist eine hermetisch abgeriegelte Gebäudehülle, in der die von den Bewohnern produzierte Feuchtigkeit (durch Atmen, Kochen, Duschen) gefangen bleibt. Trifft diese feuchte, warme Luft auf eine kalte Aussenwand, kondensiert sie – der ideale Nährboden für Schimmel.

Die alleinige Aufforderung „mehr zu lüften“ reicht hier nicht aus. Die manuelle Fensterlüftung ist fehleranfällig und im Alltag oft nicht konsequent umsetzbar. Die systemisch richtige Antwort auf den Einbau dichter Fenster ist die Installation einer kontrollierten Wohnraumlüftung. Diese sorgt für einen kontinuierlichen, nutzerunabhängigen Luftaustausch bei minimalen Wärmeverlusten. Besonders im Altbau eignen sich oft dezentrale Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung. Sie werden paarweise direkt in die Aussenwände eingesetzt und erfordern keine aufwendigen Kanalverlegungen. Während ein Gerät verbrauchte Luft nach aussen abführt und dabei Wärme in einem Keramikspeicher zwischenlagert, saugt das andere frische Luft an und erwärmt sie mit der gespeicherten Energie.

Dieser Eingriff stellt das gestörte Gleichgewicht wieder her und sichert die Bausubstanz. Die Investition ist unumgänglich, um den Wert der neuen Fenster nicht durch Folgeschäden zunichtezumachen. Dezentrale Lüftungssysteme mit Wärmerückgewinnung kosten in der Anschaffung zwischen 2.500 und 10.000 EUR, abhängig von der Anzahl der Geräte und dem Installationsaufwand. Dies ist jedoch eine entscheidende Investition in die Gesundheit des Hauses und seiner Bewohner.

Installation einer dezentralen Lüftungsanlage in einem sanierten Altbau

Wie die Abbildung zeigt, wird die moderne Lüftungseinheit präzise in die bestehende Wandstruktur integriert. Dieser Schritt ist die logische Konsequenz des Fenstertausches und der entscheidende Faktor, um die neu geschaffene dichte Hülle bauphysikalisch zu beherrschen und Schimmelbildung aktiv zu verhindern.

Fräsen oder Aufbau: Welches System verträgt Ihr alter Estrich statisch?

Der Wunsch nach dem Komfort einer Fussbodenheizung ist bei einer Kernsanierung verständlich. Doch die Umsetzung in einem 60er-Jahre-Bau birgt statische Herausforderungen, die oft unterschätzt werden. Der vorhandene Estrich ist in der Regel nicht mit heutigen Standards vergleichbar. Wie Experten bestätigen, handelt es sich dabei häufig um eine dünne Schicht ohne ausreichende Dämmung darunter. Ein Experte von Baumensch.de fasst das Problem prägnant zusammen:

Oft handelt es sich um einen Verbundestrich mit geringer Dicke und ohne Bewehrung.

– Baumensch.de, Immobilien Baujahr 1950 bis 1960 – Info kompakt

Diese geringe Stärke und fehlende Armierung machen den alten Estrich anfällig für Risse, wenn er zusätzlich belastet wird. Das beliebte und schnelle Einfräsen von Heizungsrohren ist hier oft keine Option. Das Fräsen schwächt die ohnehin schon dünne Platte zusätzlich und kann zu Instabilität und Rissbildung führen. Bevor Sie sich für ein System entscheiden, ist eine Kernbohrung zur Bestimmung der Estrichdicke und -qualität unerlässlich. Liegt die Dicke unter den vom Systemhersteller geforderten Mindestwerten (oft 4-5 cm Restdicke nach dem Fräsen), ist von dieser Methode dringend abzuraten.

Eine Alternative ist das Aufbau- oder Dünnschichtsystem. Hier werden die Heizrohre auf dem bestehenden Estrich in speziellen Noppen- oder Klettplatten verlegt und anschliessend mit einer neuen, dünnen Estrichschicht übergossen. Dies erhöht zwar die Aufbauhöhe des Bodens, was Anpassungen an Türen und Treppenabsätzen erfordert, schont aber die alte Bausubstanz. Die Wahl des richtigen Systems ist eine Abwägung zwischen Aufbauhöhe, Kosten und statischer Verträglichkeit.

Vergleich von Fussbodenheizung-Systemen für einen 60er-Jahre-Estrich
Kriterium Fräsen Aufbau Dünnschicht
Mindest-Estrichdicke ≥ 65 mm keine Vorgabe ≥ 45 mm
Aufbauhöhe 0 mm 50-80 mm 15-20 mm
Kosten pro m² 40-60 EUR 60-90 EUR 80-110 EUR
Bauzeit 1-2 Tage 3-5 Tage 2-3 Tage
Eignung Altbau bedingt gut sehr gut

Die Tabelle zeigt deutlich, dass Dünnschichtsysteme trotz höherer Kosten oft die technisch sicherere und sinnvollere Lösung für die statisch sensiblen Estriche der 60er Jahre sind. Der Respekt vor der alten Substanz gebietet es, nicht die schnellste, sondern die verträglichste Lösung zu wählen.

Der Fehler, ohne 20 % Puffer für verrottete Balken oder Leitungen zu kalkulieren

Bei der Sanierung eines über 60 Jahre alten Hauses ist die einzige Gewissheit die Ungewissheit. Jede geöffnete Wand, jeder entfernte Bodenbelag kann eine neue, unvorhergesehene Baustelle offenbaren. Wer seine Kalkulation nur auf die sichtbaren und geplanten Massnahmen stützt, plant am finanziellen Abgrund. Ein eiserner Grundsatz für erfahrene Altbausanierer lautet daher: Planen Sie mindestens 20 % der geschätzten Gesamtkosten als Puffer für Unvorhergesehenes ein. Dieser Puffer ist keine „nice-to-have“-Reserve, sondern ein fester und realistischer Budgetposten.

Die Liste der potenziellen Überraschungen ist lang. Besonders häufig sind morsche Holzbalken im Dachstuhl oder in Geschossdecken, oft verursacht durch alte, unentdeckte Undichtigkeiten. Ein weiteres kritisches Thema ist die Elektrik. In den 60ern war die „klassische Nullung“ Standard, ein System ohne separaten Schutzleiter (PE) und ohne FI-Schutzschalter. Eine Erneuerung der gesamten Elektroinstallation ist aus Sicherheitsgründen oft unumgänglich, aber in der Erstkalkulation selten vollständig erfasst. Auch versteckte Bleiwasserleitungen können noch vorhanden sein und müssen zwingend ausgetauscht werden. Ungedämmte Rollladenkästen oder eine feuchte Kellerabdichtung sind weitere Klassiker, deren Behebung schnell mehrere tausend Euro kosten kann.

Die Gesamtkosten können stark variieren, je nachdem, wie tief die Eingriffe sind. Eine energetische Sanierung kann von wenigen hundert Euro pro Quadratmeter für Einzelmassnahmen bis hin zu einer kompletten Kernsanierung reichen. Eine Studie von Kostencheck.de zeigt, dass die Spanne enorm ist. So können die Kosten für eine Kernsanierung eines 60er-Jahre-Hauses zwischen 600 und 2.500 EUR/m² variieren. Diese grosse Spanne verdeutlicht, wie stark unvorhergesehene Funde die Endabrechnung beeinflussen. Der 20-%-Puffer ist Ihre Versicherung gegen den Baustopp und stellt sicher, dass Sie auf böse Überraschungen nicht mit Kompromissen bei der Qualität, sondern mit einer soliden Finanzierung reagieren können.

Letztendlich ist die Budgetierung bei einem Altbau weniger eine exakte Wissenschaft als vielmehr ein risikobewusstes Management. Wer die unvermeidlichen Überraschungen von vornherein einplant, saniert am Ende entspannter und erfolgreicher.

Wann erlaubt das Amt Solaranlagen oder Innendämmung bei geschützten Fassaden?

Nicht jedes Haus aus den 1960er Jahren darf nach Belieben energetisch saniert werden. Steht das Gebäude unter Denkmalschutz oder ist Teil eines Ensembles mit einer Erhaltungssatzung, hat die zuständige untere Denkmalschutzbehörde ein entscheidendes Wort mitzureden. Das äussere Erscheinungsbild muss in der Regel erhalten bleiben, was eine klassische Aussendämmung (WDVS) oder sichtbare Aufdach-Solaranlagen oft ausschliesst. Doch das bedeutet nicht das Ende der energetischen Ambitionen. Es erfordert lediglich kreativere, kompromissbereite Lösungen und vor allem eine frühzeitige, transparente Kommunikation mit dem Amt.

Der erste und wichtigste Schritt ist der Gang zur Behörde, *bevor* Sie einen Architekten oder Energieberater mit der Detailplanung beauftragen. In einem ersten Gespräch können Sie die Möglichkeiten ausloten. Statt einer Standard-PV-Anlage könnten beispielsweise unauffällige Solarziegel oder eine Anlage auf einem nicht einsehbaren Flachdachanbau genehmigungsfähig sein. Zeigen Sie von Anfang an, dass Ihnen der Erhalt des Charakters wichtig ist und Sie nach Lösungen suchen, die beides vereinen: Denkmalschutz und Energieeffizienz.

Wenn eine Aussendämmung nicht möglich ist, rückt die Innendämmung in den Fokus. Hier ist jedoch grosse bauphysikalische Sorgfalt geboten. Falsch ausgeführt, kann eine Innendämmung zu massiven Feuchtigkeitsschäden führen, da der Taupunkt in die Wandkonstruktion verlagert wird. Diffusionsoffene, kapillaraktive Systeme, zum Beispiel aus Kalziumsilikat- oder Holzfaserplatten, sind hier oft die beste Wahl. Sie können Feuchtigkeit aufnehmen und wieder an die Raumluft abgeben, was die Schimmelgefahr minimiert. Ein von einem Energieberater erstelltes Gutachten, das die Notwendigkeit der Massnahme und die bauphysikalische Unbedenklichkeit des gewählten Systems nachweist, ist für die Genehmigung meist unerlässlich.

Kapillaraktive Innendämmung zum Erhalt historischer Fassaden

Die Abbildung zeigt den Aufbau einer solchen kapillaraktiven Innendämmung, die es ermöglicht, die Energiebilanz des Hauses signifikant zu verbessern, während die historische Fassade unangetastet bleibt. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Kooperation: Wer das Amt als Partner und nicht als Gegner begreift, findet fast immer einen genehmigungsfähigen Weg.

Sanieren oder verkaufen: Was tun mit einem geerbten Haus der Energieklasse H?

Ein Haus aus den 1960er Jahren zu erben, ist oft ein zweischneidiges Schwert. Einerseits besteht eine emotionale Bindung, andererseits steht man vor einem unsanierten Gebäude der Energieeffizienzklasse G oder H mit erheblichem Investitionsbedarf und gesetzlichen Nachrüstpflichten gemäss Gebäudeenergiegesetz (GEG). Die Frage „Sanieren oder verkaufen?“ ist daher nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine sehr persönliche. Eine rein emotionale Entscheidung kann jedoch zu einem finanziellen Desaster führen. Eine strukturierte Analyse der Fakten ist unerlässlich.

Zunächst gilt es, den Sanierungsstau realistisch zu bewerten. Ein Bausachverständiger kann hier eine erste Kostenschätzung für die dringendsten Massnahmen (Dach, Heizung, Fenster) abgeben. Übersteigen diese Kosten Ihre finanziellen Möglichkeiten oder Ihr verfügbares Eigenkapital, kann ein Verkauf die rationalere Option sein. Berücksichtigen Sie auch Ihre persönliche Situation: Haben Sie die Zeit, die Nerven und vielleicht sogar das handwerkliche Geschick, eine umfangreiche Sanierung zu begleiten? Eigenleistung kann Kosten sparen, bindet aber enorm viel Zeit und Energie. Die emotionale Bindung ist ein wichtiger Faktor, sollte aber nicht dazu führen, sich finanziell zu übernehmen.

Die Entscheidung ist auch eine strategische, denn der Gebäudebestand aus dieser Zeit ist riesig. Weit mehr als 40% der Wohnungen in Deutschland wurden zwischen 1950 und 1980 gebaut, was den enormen Sanierungsbedarf auf dem Markt verdeutlicht. Eine gut sanierte Immobilie kann eine wertstabile Altersvorsorge sein, während ein Verkauf schnelles Kapital freisetzt. Die folgende Matrix kann helfen, die verschiedenen Faktoren zu gewichten und eine fundierte Entscheidung zu treffen.

Entscheidungsmatrix: Sanieren vs. Verkaufen bei einem geerbten 60er-Jahre-Haus
Kriterium Punkte für Sanierung Punkte für Verkauf
Sanierungsstau > 100.000 EUR -2 +2
Eigenkapital > 30% vorhanden +2 0
Handwerkliche Eigenleistung möglich +2 -1
Emotionale Bindung stark +3 -2
Lokaler Immobilienmarkt schwach +1 -2
GEG-Nachrüstpflichten fällig -1 +1

Zählen Sie die Punkte zusammen: Ein deutlich positives Ergebnis spricht für die Sanierung, ein negatives für den Verkauf. Ein Ergebnis um den Nullpunkt herum deutet darauf hin, dass beide Optionen sorgfältig abgewogen werden sollten und möglicherweise weitere Faktoren wie die langfristige Familienplanung eine Rolle spielen.

Der Fehler, Wärmebrücken im Sommer zu suchen – wann ist die Zeit für Infrarotbilder?

Wärmebrücken sind die „energetischen Löcher“ in der Gebäudehülle, durch die im Winter wertvolle Heizwärme unkontrolliert entweicht. Typische 60er-Jahre-Bauten sind voll davon: ungedämmte Rollladenkästen, auskragende Betonbalkone ohne thermische Trennung oder die Einbindung der Kellerdecke in die Aussenwand sind klassische Schwachstellen. An diesen kalten Stellen kann zudem Raumluftfeuchtigkeit kondensieren, was sie zu potenziellen Schimmelherden macht. Die Identifizierung dieser Schwachstellen ist ein entscheidender Schritt für eine effektive Sanierungsplanung. Doch viele Hausbesitzer machen dabei einen entscheidenden Fehler: Sie beauftragen eine Thermografie-Untersuchung zur falschen Zeit.

Eine Infrarotkamera macht Temperaturunterschiede auf Oberflächen sichtbar. Damit sie aussagekräftige Bilder von Wärmeverlusten liefern kann, ist eine ausreichend grosse und konstante Temperaturdifferenz zwischen der beheizten Innentemperatur und der kalten Aussentemperatur erforderlich. Eine Thermografie im Frühling, Sommer oder an milden Herbsttagen ist daher völlig sinnlos. Die Ergebnisse wären verfälscht und unbrauchbar. Die goldene Regel für eine professionelle Gebäudethermografie lautet:

Die benötigte Temperaturdifferenz zwischen innen und aussen muss konstant mindestens 10-15 °C betragen.

– Energie-Fachberater, Sanierungstipps für jedes Baujahr

Das bedeutet, die Untersuchung muss in der kalten Jahreszeit, idealerweise an einem trockenen, windstillen Tag in den frühen Morgenstunden oder nach Sonnenuntergang stattfinden, um eine Verfälschung durch Sonneneinstrahlung zu vermeiden. Das Gebäude sollte zudem seit mindestens 12 Stunden gleichmässig beheizt sein. Nur unter diesen Bedingungen kann ein zertifizierter Energieberater die energetischen Schwachstellen Ihrer Immobilie präzise lokalisieren und auf dieser Basis gezielte Sanierungsempfehlungen aussprechen.

Eine gut geplante Thermografie ist also kein Schnappschuss, sondern eine sorgfältig vorbereitete diagnostische Massnahme. Sie ist das „Röntgenbild“ Ihres Hauses, das die unsichtbaren Probleme aufdeckt und es Ihnen ermöglicht, Ihr Sanierungsbudget dort einzusetzen, wo es den grössten Effekt hat, anstatt mit der Giesskanne zu sanieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Haus aus den 1960ern ist ein Gesamtsystem; isolierte Massnahmen wie nur der Fenstertausch führen fast immer zu Folgeschäden wie Schimmel.
  • Die grösste bauphysikalische Veränderung ist die Schaffung einer dichten Gebäudehülle, die zwingend ein mechanisches Lüftungskonzept erfordert.
  • Planen Sie immer mit dem Unerwarteten: Ein Budgetpuffer von 20 % für versteckte Mängel wie Asbest, marode Leitungen oder feuchte Keller ist realistisch und notwendig.

Styropor oder Mineralwolle: Welches WDVS lässt Ihre Fassade atmen und hält lange?

Die Dämmung der Fassade ist eine der effektivsten Massnahmen zur energetischen Sanierung. Bei der Wahl des richtigen Wärmedämmverbundsystems (WDVS) für ein 60er-Jahre-Haus stehen Bauherren jedoch vor einer grundlegenden Entscheidung: EPS (Styropor) oder Mineralwolle? Beide Materialien haben ihre Berechtigung, unterscheiden sich aber in wichtigen Eigenschaften, die über die reine Dämmleistung hinausgehen. Die Entscheidung sollte nicht nur vom Preis, sondern auch von den Anforderungen an Brandschutz, Schallschutz und Feuchteverhalten abhängen.

EPS (expandiertes Polystyrol), umgangssprachlich Styropor, ist die kostengünstigste und am weitesten verbreitete Variante. Es bietet einen guten Dämmwert und ist leicht zu verarbeiten. In puncto Brandschutz ist es jedoch als „schwer entflammbar“ (Baustoffklasse B1) eingestuft, im Gegensatz zu Mineralwolle, die „nicht brennbar“ ist (A1). Ein wesentlicher Nachteil von EPS ist seine geringe Diffusionsoffenheit. Es lässt kaum Wasserdampf von innen nach aussen passieren, was bei unsachgemässer Ausführung und in Kombination mit einer dichten Innenhülle das Risiko von Feuchteansammlungen in der Wand erhöhen kann. Der Begriff der „atmenden Wand“ ist zwar bauphysikalisch nicht ganz korrekt, beschreibt aber anschaulich den Vorteil diffusionsoffener Materialien.

Mineralwolle (Stein- oder Glaswolle) ist teurer, bietet dafür aber entscheidende Vorteile. Sie ist nicht nur nicht brennbar, sondern bietet auch einen deutlich besseren Schallschutz – ein wichtiger Aspekt bei Häusern an befahrenen Strassen. Vor allem aber ist Mineralwolle diffusionsoffen. Sie behindert den Abtransport von Feuchtigkeit aus der Wandkonstruktion nicht. Als nachhaltige Alternative gewinnen zudem Holzfaserdämmplatten an Bedeutung, die exzellente Eigenschaften beim sommerlichen Hitzeschutz und bei der Feuchteregulierung aufweisen, aber auch die teuerste Option darstellen.

Praxisbeispiel: Energetische Sanierung eines Typenhauses von 1963

Bei einem 91m² grossen Typenhaus von 1963 wurde eine komplette energetische Sanierung durchgeführt. Der Baukörper wurde vollständig freigelegt und alle Wärmebrücken wie Vordächer und Balkone entfernt, um eine durchgehende Dämmhülle zu schaffen. Die Entscheidung für ein lückenloses WDVS verbesserte nicht nur die Energiebilanz erheblich, sondern schuf auch ein gesünderes Wohnklima und eine moderne Optik. Das Projekt zeigt, dass eine konsequente Sanierung der Gebäudehülle ein altes Haus auf Neubauniveau heben kann.

Die Wahl des Dämmstoffs ist also eine strategische Entscheidung, die die langfristige Gesundheit und Sicherheit Ihres Hauses beeinflusst. Während EPS eine wirtschaftliche Lösung sein kann, bieten Mineralwolle oder Holzfaser ein Plus an Sicherheit und bauphysikalischen Vorteilen, die den Mehrpreis oft rechtfertigen.

Indem Sie die Eigenschaften der verschiedenen Dämmstoffe sorgfältig abwägen, treffen Sie eine fundierte Entscheidung für die zukünftige "Haut" Ihres Hauses.

Mit diesem Wissen sind Sie nun gerüstet, die Sanierung Ihres Hauses nicht als eine Reihe von Einzelteilen, sondern als ein ganzheitliches Projekt zu sehen. Beginnen Sie jetzt mit einer sorgfältigen Bestandsaufnahme und der Konsultation eines unabhängigen Energieberaters, um die richtigen Entscheidungen für Ihr zukünftiges Zuhause zu treffen.

Geschrieben von Sabine Müller-Kröger, Architektin und zertifizierte Energieberaterin (DENA) mit Schwerpunkt auf energetischer Sanierung von Bestandsgebäuden. Expertin für Bauphysik, Dämmstoffe und staatliche Förderprogramme (BAFA/KfW).