Veröffentlicht am März 11, 2024

Die Wahrheit über Energiekosten: Ihr absoluter Verbrauch ist eine fast nutzlose Kennzahl. Echte, dauerhafte Einsparungen beginnen erst mit der richtigen Management-Methodik.

  • Relative Kennzahlen (EnPIs) entkoppeln den Energieverbrauch von der Produktionsmenge und machen Effizienz erst messbar.
  • Versteckte Kostentreiber wie der Leistungspreis machen oft bis zu 40 % Ihrer Stromrechnung aus und werden durch kurze Lastspitzen verursacht.

Empfehlung: Behandeln Sie Energieflüsse nicht länger als pauschale Kosten, sondern als steuerbaren Geschäftsprozess, der aktiv gemanagt werden muss – genau wie Ihre Produktion oder Ihr Personal.

Die monatliche Strom- und Gasrechnung ist für viele Geschäftsführer ein frustrierender Posten: Sie steigt, ohne dass klar ist, warum. Die üblichen Ratschläge wie „Licht ausschalten“ oder „Mitarbeiter sensibilisieren“ fühlen sich an wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie zielen auf individuelles Verhalten, aber nicht auf das System. Solange Sie nur den absoluten Verbrauch in Kilowattstunden (kWh) betrachten, stochern Sie im Nebel. Steigt der Verbrauch, weil die Produktion gewachsen ist oder weil die Effizienz gesunken ist? Ohne eine Antwort auf diese Frage ist jede Maßnahme ein Blindflug.

Die meisten Unternehmen hören auf, wenn es kompliziert wird, und verpassen dadurch erhebliche Einsparpotenziale. Doch die Denkweise eines Energiemanagement-Auditors, wie sie in der Norm ISO 50001 verankert ist, bietet einen Ausweg. Es geht darum, Energie nicht als unvermeidbaren Kostenblock zu akzeptieren, sondern als einen strategischen, messbaren und kontinuierlich optimierbaren Geschäftsprozess zu etablieren. Dies erfordert kein teures Zertifikat, sondern einen methodischen Wandel: Weg vom reinen Blick auf den Zähler, hin zu intelligenten Kennzahlen, Prozessen und einer klaren Zielverfolgung.

Dieser Leitfaden übersetzt die Kernprinzipien eines professionellen Energiemanagementsystems in pragmatische Schritte für kleine und mittelständische Unternehmen. Wir decken auf, warum der absolute Verbrauch als Steuerungsinstrument versagt, wie Sie teure Lastspitzen-Fallen vermeiden und wie Sie Ihre Belegschaft zu einem Teil der Lösung machen, anstatt sie mit Appellen zu ermüden. Sie lernen, die richtigen Fragen zu stellen und die Hebel zu identifizieren, die Ihre Betriebskosten wirklich und vor allem dauerhaft senken.

In diesem Artikel finden Sie einen strukturierten Überblick über die zentralen Elemente eines wirksamen Energiemanagements. Wir führen Sie von der Festlegung aussagekräftiger Kennzahlen über die Mitarbeitermotivation bis hin zu den technologischen Entscheidungen und der Vermeidung teurer Lastspitzen.

Warum ist der absolute Verbrauch als Kennzahl für Effizienz nutzlos?

Der absolute Energieverbrauch (in kWh) ist trügerisch, weil er wesentliche Einflussfaktoren ignoriert. Steigt Ihre Produktion um 20 % und Ihr Energieverbrauch nur um 10 %, ist Ihr Unternehmen effizienter geworden – obwohl die absolute Zahl auf Ihrer Rechnung höher ist. Der reine Verbrauch ist somit ein reaktiver Indikator, keine Steuerungskennzahl. Er beantwortet nicht die entscheidende Frage: Wie effizient setzen wir unsere Energie im Verhältnis zu unserem unternehmerischen Output ein? Ohne diese Relation ist eine Leistungsbewertung unmöglich.

Ein professionelles Energiemanagement nach ISO-50001-Logik setzt daher auf Energieleistungskennzahlen (EnPIs – Energy Performance Indicators). Eine EnPI setzt den Energieverbrauch in ein Verhältnis zu einer relevanten Bezugsgröße, zum Beispiel kWh pro produziertem Teil, kWh pro Tonne verarbeitetem Material oder kWh pro Mitarbeiter. Erst dieser relative Wert macht die energiebezogene Leistung messbar und vergleichbar, unabhängig von Produktionsschwankungen oder saisonalen Effekten. Ein Praxisbeispiel verdeutlicht dies: Ein Unternehmen steigert die Produktion um 20 % bei nur 10 % Mehrverbrauch. Der absolute Verbrauch ist gestiegen, aber die EnPI (z.B. kWh/Stück) zeigt eine Effizienzverbesserung von 8 %. Studien zeigen, dass KMU durch systematische EnPI-Analyse oft Einsparpotenziale von 10-30% ihres Gesamtenergieverbrauchs aufdecken können.

Die Einführung von EnPIs ist der erste und wichtigste Schritt, um Energie von einem unkontrollierbaren Kostenfaktor in einen aktiv gemanagten Geschäftsprozess zu verwandeln. Es ist die Grundlage für die Festlegung einer energetischen Ausgangsbasis (EnB), gegen die zukünftige Verbesserungen validiert werden können.

Ihr Audit-Plan: Schritte zur Implementierung spezifischer EnPIs

  1. Relevante Variablen identifizieren: Bestimmen Sie alle quantifizierbaren Faktoren, die Ihren Energieverbrauch maßgeblich beeinflussen (z.B. Produktionsvolumen, Außentemperatur, Betriebsstunden).
  2. Erste EnPIs definieren: Legen Sie für Ihre wesentlichen Energieverbraucher (Significant Energy Uses – SEUs) erste Kennzahlen fest (z.B. kWh pro Maschine, m³ Gas pro Ofencharge).
  3. Energetische Ausgangsbasis (EnB) festlegen: Analysieren Sie historische Energiedaten, um ein repräsentatives Bezugsjahr oder einen Bezugszeitraum als Vergleichsbasis zu definieren.
  4. Dokumentation sicherstellen: Halten Sie die definierten EnPIs, die EnB und die relevanten Variablen schriftlich fest, um Konsistenz und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten.
  5. Prozess zur Aktualisierung etablieren: Erstellen Sie eine klare Anweisung, wie und in welchen Abständen diese Kennzahlen überprüft und bei Bedarf angepasst werden.

Ohne diesen methodischen Rahmen bleibt jede Effizienzbemühung ein Ratespiel mit ungewissem Ausgang.

Wie motivieren Sie die Belegschaft zum Energiesparen ohne erhobenen Zeigefinger?

Appelle und Verbotsschilder erzeugen oft Widerstand oder werden schlicht ignoriert. Echte Motivation entsteht nicht durch Druck, sondern durch Transparenz, Teilhabe und sichtbare Erfolge. Statt die Belegschaft zu ermahnen, sollten Sie sie zu Mitgestaltern des Prozesses machen. Der Schlüssel liegt in der systemischen Motivation: Das System selbst muss so gestaltet sein, dass energiesparendes Verhalten logisch, einfach und lohnenswert wird. Dies gelingt, wenn Mitarbeiter die Zusammenhänge verstehen und ihren eigenen Beitrag zum Gesamterfolg direkt sehen können.

Eine wirksame Methode ist die Visualisierung von Echtzeit-Verbrauchsdaten und der gemeinsam erreichten Ziele. Gamification-Ansätze, bei denen Abteilungen in einem freundschaftlichen Wettbewerb um die höchste Einsparung konkurrieren, können die Dynamik enorm steigern. Ein weiterer zentraler Hebel ist die Etablierung von Energie-Botschaftern. Dies sind engagierte Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen, die als Ansprechpartner fungieren, Ideen aus dem Team sammeln und für das Thema werben. Sie übersetzen die abstrakten Ziele des Managements in die konkrete Arbeitsrealität ihrer Kollegen und schaffen so Akzeptanz und Identifikation.

Mitarbeiter feiern gemeinsam erreichte Energiesparziele in modernem Büro

Letztlich geht es darum, eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung zu etablieren, in der jeder Mitarbeiter die Möglichkeit hat, Vorschläge einzubringen und deren Wirkung zu sehen. Dies stärkt nicht nur die Effizienz, sondern auch die Mitarbeiterbindung. Wie ein Experte des TÜV Thüringen betont, ist dies ein nicht zu unterschätzender Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte:

Ein starkes Engagement für Nachhaltigkeit ist ein entscheidender Faktor, um junge Talente zu gewinnen und zu binden.

– TÜV Thüringen Experte, Vorteile eines Energiemanagements nach DIN EN ISO 50001

Ein solches Vorgehen verwandelt Energiesparen von einer lästigen Pflicht in eine gemeinsame Mission mit messbarem Erfolg und positivem Einfluss auf die Arbeitgebermarke.

Spezialsoftware oder Tabellenkalkulation: Was reicht für den Mittelstand?

Die Frage nach dem richtigen Werkzeug zur Erfassung und Analyse von Energiedaten ist für KMUs zentral. Die Entscheidung zwischen einer einfachen Tabellenkalkulation wie Excel und einer dedizierten Energiemanagement-Software hängt von der Komplexität Ihrer Prozesse, der Anzahl der Messpunkte und Ihren zukünftigen Ambitionen ab. Es gibt keine Einheitslösung; die Wahl muss zur Unternehmensrealität passen.

Für den Einstieg und bei einer überschaubaren Anzahl von Messpunkten (z.B. unter 10 Hauptzählern) kann eine gut strukturierte Tabellenkalkulation völlig ausreichen. Sie verursacht keine zusätzlichen Lizenzkosten und ermöglicht die manuelle Erfassung und einfache Auswertung von Verbräuchen zur Berechnung erster EnPIs. Ihre Grenzen erreicht sie jedoch schnell, wenn Daten aus verschiedenen Quellen automatisch zusammengeführt, komplexe Korrelationsanalysen gefahren oder Alarmierungen bei Abweichungen eingerichtet werden sollen. Die manuelle Datenpflege wird dann fehleranfällig und zeitintensiv.

Eine Spezialsoftware hingegen automatisiert die Datenerfassung, bietet standardisierte Dashboards, ermöglicht die Verknüpfung mit Produktionsdaten (z.B. aus einem ERP-System) und erleichtert die normkonforme Berichterstattung. Die Investition lohnt sich, sobald Sie eine größere Anzahl von Unterzählern installieren, komplexe Prozesse steuern und die Energieeffizienz zu einem integralen Bestandteil Ihrer Betriebssteuerung machen wollen. Zunehmend gewinnen auch Open-Source-IoT-Lösungen an Bedeutung, die hohe Flexibilität bei mittleren Kosten bieten, aber technisches Know-how erfordern.

Die folgende Matrix, basierend auf Analysen wie sie auch das Umweltbundesamt für Managementsysteme bereitstellt, kann als Entscheidungshilfe dienen:

Entscheidungsmatrix: Excel vs. Spezialsoftware für KMU
Kriterium Excel/Tabellenkalkulation Spezialsoftware Open-Source IoT-Lösung
Messpunkte < 10 Messpunkte > 10 Messpunkte Flexibel skalierbar
Investitionskosten Minimal (0-100€) Hoch (5.000-50.000€) Mittel (500-5.000€)
Laufende Kosten Keine Lizenzgebühren Wartung/Support
Komplexität Einfache Prozesse Komplexe Integration Technisches Know-how nötig
Skalierbarkeit Begrenzt Hoch Sehr hoch

Beginnen Sie pragmatisch mit einer Tabellenkalkulation, aber planen Sie den Umstieg auf ein professionelles System, sobald Ihre Datenerfassung und Ihre Analyseanforderungen wachsen.

Der Messfehler bei Druckluft, der Sie tausende Euro an Optimierungspotenzial kostet

Druckluft wird oft als „vierte Energieform“ in Betrieben bezeichnet – und sie ist die mit Abstand teuerste. Ein weit verbreiteter Trugschluss ist, die Kosten für Druckluft zu unterschätzen, da sie „nur“ aus Strom und Luft erzeugt wird. Doch die Wahrheit ist, dass nur etwa 5-10 % der elektrischen Energie tatsächlich in nutzbare Druckluft-Energie umgewandelt werden. Der Rest geht als Abwärme verloren. Noch gravierender ist das Problem der Leckagen, die in fast jedem System vorhanden sind.

Kleine, oft unhörbare Leckagen in Schläuchen, Kupplungen oder Ventilen summieren sich über ein Jahr zu enormen Energieverlusten und damit zu erheblichen Kosten. Viele Unternehmen nehmen diese Verluste als gegeben hin, weil sie das Ausmaß nicht quantifizieren. Ein Ultraschall-Messgerät kann diese Leckagen jedoch schnell und präzise im laufenden Betrieb aufspüren. Die Investition in eine solche Messung oder ein eigenes Gerät amortisiert sich oft innerhalb weniger Monate.

Nahaufnahme einer Ultraschallmessung an industriellen Druckluftleitungen

Die Zahlen sind alarmierend: Selbst ein winziges Leck von nur 3 Millimetern Durchmesser kann bei einem Systemdruck von 7 bar jährliche Mehrkosten von fast 1.000 Euro verursachen – für reine Verschwendung. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) hat mit der VDI-Richtlinie 4068 einen technischen Standard zur Optimierung von Druckluftanlagen geschaffen, der als Leitfaden für deutsche Unternehmen dient. Die Beseitigung von Leckagen ist dabei eine der schnellsten und profitabelsten Maßnahmen im Energiemanagement. Die folgende Kostenberechnung verdeutlicht das immense Potenzial, das oft ungenutzt bleibt.

Kostenberechnung von Druckluftleckagen bei 25 ct/kWh
Leckgröße Luftverlust bei 7 bar Energieverlust/Jahr Kosten/Jahr bei 25ct/kWh
1 mm 1,2 l/s 420 kWh 105 €
3 mm 11,1 l/s 3.900 kWh 975 €
5 mm 30,9 l/s 10.850 kWh 2.713 €

Die systematische Suche und Beseitigung von Druckluftleckagen ist kein optionales Extra, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit für jedes Unternehmen, das seine Energiekosten ernsthaft senken will.

Wann sollten Sie Ihre Energieziele nachjustieren, um die Dynamik nicht zu verlieren?

Einmal definierte Energieziele sind kein in Stein gemeißeltes Gesetz. Starre, langfristige Ziele, die externen oder internen Veränderungen keine Rechnung tragen, verlieren schnell ihre motivierende Wirkung und können sogar kontraproduktiv sein. Ein professionelles Energiemanagement zeichnet sich durch einen agilen und dynamischen Zielsetzungsprozess aus, der dem PDCA-Zyklus (Plan-Do-Check-Act) folgt. Ziele müssen regelmäßig überprüft und an die Realität angepasst werden, um die Dynamik im Verbesserungsprozess aufrechtzuerhalten.

Es gibt mehrere Auslöser, die eine sofortige Überprüfung und potenzielle Anpassung Ihrer Energieziele erfordern. Dazu gehören externe Faktoren wie signifikante Änderungen der Energiepreise, neue gesetzliche Vorgaben (z.B. Anpassungen des BEHG zur CO2-Bepreisung) oder technologische Durchbrüche. Ebenso wichtig sind interne Veränderungen: Eine größere Investition wie die Anschaffung einer neuen Produktionslinie, die Umstellung der Beleuchtung auf LED oder eine grundlegende Änderung im Produktionsprozess verändern die energetische Ausgangsbasis und erfordern neue, realistische Ziele.

Statt auf starre Jahresziele zu setzen, haben sich dynamische Zielkorridore bewährt. Diese definieren einen angestrebten Verbesserungsbereich und bieten mehr Flexibilität bei unvorhersehbaren Ereignissen wie Produktionsschwankungen. Die Kombination aus einer jährlichen strategischen Überprüfung und kürzeren, operativen „Energie-Sprints“ (z.B. quartalsweise) hat sich als besonders wirksam erwiesen, um kurzfristige Maßnahmen umzusetzen und schnelle Erfolge sichtbar zu machen. Dieser kontinuierliche Prozess ist der Motor für nachhaltige Effizienz. Analysen zeigen, dass Unternehmen, die seit über 10 Jahren ein EnMS betreiben, dauerhaft 3-4% Einsparungen pro Jahr realisieren, weil sie ihre Ziele und Maßnahmen ständig anpassen.

Checkliste: Agiler Überprüfungszyklus für Ihre Energieziele

  1. Jährliche Strategie-Review: Führen Sie mindestens einmal jährlich eine formale Überprüfung Ihrer Energiepolitik und -ziele im Rahmen des Management-Reviews durch (analog zum PDCA-Zyklus).
  2. Quartalsweise „Energie-Sprints“: Etablieren Sie kürzere Zyklen, um konkrete Maßnahmen zu planen, umzusetzen und deren Erfolg schnell zu bewerten.
  3. Trigger-basierte Überprüfung: Lösen Sie eine sofortige Zielüberprüfung aus, wenn sich externe Rahmenbedingungen wie die EEG-Umlage, CO2-Preise (BEHG) oder Netzentgelte signifikant ändern.
  4. Proaktive Anpassung vor Investitionen: Passen Sie Ihre Ziele und die energetische Ausgangsbasis proaktiv an, bevor Sie größere Investitionen (z.B. neue Produktionslinie, LED-Umstellung) tätigen.
  5. Definition von Zielkorridoren: Ersetzen Sie starre Punktziele durch dynamische Korridore, um unvorhersehbare Ereignisse (z.B. Lieferkettenprobleme, Nachfrageschwankungen) abzufedern, ohne die Ambition zu verlieren.

Ein starres Festhalten an veralteten Zielen demotiviert und bremst den Fortschritt. Ein lebendiger Zielprozess hingegen treibt die kontinuierliche Verbesserung voran.

Warum macht der Leistungspreis oft 40 % Ihrer gewerblichen Stromkosten aus?

Für viele Gewerbebetriebe ist der Blick auf die Stromrechnung ein Schock: Neben dem reinen Arbeitspreis pro Kilowattstunde (kWh) taucht ein hoher Betrag für den „Leistungspreis“ auf, der oft bis zu 40 % der Gesamtkosten ausmacht. Dieser Kostenblock entsteht, weil der Netzbetreiber nicht nur die gelieferte Energiemenge, sondern auch die Bereitstellung der maximal benötigten Leistung (in Kilowatt, kW) in Rechnung stellt. Die Logik dahinter: Das Stromnetz muss so dimensioniert sein, dass es jederzeit die höchste von Ihnen abgerufene Leistungsspitze bedienen kann, selbst wenn diese nur sehr kurz auftritt.

Die Berechnungsgrundlage für diesen Leistungspreis ist der höchste durchschnittliche Leistungswert, der innerhalb eines 15-Minuten-Intervalls im Abrechnungsjahr gemessen wird. Dies wird als registrierende Leistungsmessung (RLM) bezeichnet. In Deutschland ist diese Messmethode in der Regel verpflichtend für alle Abnahmestellen, die einen bestimmten Schwellenwert überschreiten. Laut Stromnetzzugangsverordnung liegt dieser Wert oft bei 100.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch, wodurch die viertelstündliche Lastmessung greift. Das bedeutet: Eine einzige, unbedachte Lastspitze von nur 15 Minuten Dauer kann Ihre Netzentgelte für das gesamte Jahr in die Höhe treiben.

Die Auswirkungen sind dramatisch, wie ein Rechenbeispiel zeigt: Ein Unternehmen hat eine Grundlast von 4.000 kW. Der Leistungspreis beträgt 50 € pro kW und Jahr. Durch den gleichzeitigen Start mehrerer großer Maschinen entsteht für 30 Minuten eine außerordentliche Lastspitze von zusätzlichen 500 kW. Obwohl dieser Mehrbedarf nur kurzfristig war, wird der Jahreshöchstwert auf 4.500 kW festgesetzt. Allein diese eine Spitze verursacht, wie eine Fallstudie zum Peak Shaving eindrucksvoll belegt, Zusatzkosten von 25.000 € auf der Jahresrechnung – ausschließlich für Netznutzungsentgelte. Dies verdeutlicht, warum das gezielte Vermeiden von Lastspitzen, auch „Peak Shaving“ genannt, einer der größten Hebel zur Kostensenkung ist.

Die Analyse und Steuerung Ihres Lastprofils ist somit kein technischer Luxus, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.

Warum ist KI-gesteuerte Energieoptimierung für KMUs überlebenswichtig?

In einer Welt, in der Energiepreise volatil und regulatorische Anforderungen immer komplexer werden, reicht manuelles Management oft nicht mehr aus. Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt sich vom Buzzword zur überlebenswichtigen Technologie für KMUs, um wettbewerbsfähig zu bleiben. KI-gesteuerte Systeme können in Echtzeit riesige Datenmengen analysieren, die für einen Menschen unbeherrschbar wären, und daraus optimale Steuerungsentscheidungen ableiten.

Ein KI-System kann beispielsweise Produktionspläne, Wettervorhersagen, aktuelle Börsenstrompreise und den Ladezustand von Batteriespeichern oder E-Fahrzeug-Flotten miteinander abgleichen. Auf dieser Basis kann es vorhersagen, wann teure Lastspitzen drohen, und automatisch gegensteuern, indem es nicht-kritische Verbraucher für kurze Zeit drosselt oder verschiebt. Es lernt aus historischen Daten und wird mit der Zeit immer präziser in seinen Prognosen und Empfehlungen. Für KMUs bedeutet dies den Übergang von einem reaktiven zu einem prädiktiven Energiemanagement.

Diese Professionalisierung ist keine ferne Zukunftsmusik mehr, sondern wird zunehmend zur gesetzlichen Realität. Das in Deutschland verabschiedete Energieeffizienzgesetz (EnEfG) verpflichtet bereits Unternehmen mit einem jährlichen Durchschnittsverbrauch von über 7,5 Gigawattstunden zur Einführung eines systematischen Energiemanagementsystems. Auch wenn viele KMUs unter dieser Schwelle liegen, zeigt der Trend klar in Richtung einer umfassenden Datenerfassung und -analyse. KI-Systeme sind das leistungsfähigste Werkzeug, um dieser wachsenden Komplexität nicht nur gerecht zu werden, sondern sie in einen handfesten Wettbewerbsvorteil zu verwandeln.

Früher oder später wird die Fähigkeit, Energiedaten intelligent zu nutzen, über die Profitabilität und Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens entscheiden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Von absolut zu relativ: Der Wechsel vom reinen Verbrauch (kWh) zu relativen Leistungskennzahlen (EnPIs, z.B. kWh/Stück) ist der entscheidende Schritt, um Effizienz messbar und steuerbar zu machen.
  • Die Lastspitzen-Falle: Eine einzige 15-Minuten-Spitze kann die jährlichen Netzkosten um zehntausende Euro erhöhen. Intelligentes Lastmanagement ist der größte Hebel zur Kostensenkung beim Strom.
  • Prozess statt Projekt: Dauerhafte Einsparungen entstehen nicht durch einmalige Aktionen, sondern durch einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess (PDCA) mit agilen Zielen und engagierten Mitarbeitern.

Wie vermeiden Gewerbebetriebe teure Lastspitzen durch intelligentes Lastmanagement?

Die Vermeidung von Lastspitzen, auch Peak Shaving genannt, ist eine der profitabelsten Strategien im Energiemanagement. Es geht nicht darum, weniger zu produzieren, sondern darum, den Energiebezug über die Zeit zu glätten. Die gute Nachricht ist, dass viele Maßnahmen mit geringem oder keinem Investitionsaufwand umsetzbar sind. Der erste Schritt ist immer eine detaillierte Analyse des eigenen 15-Minuten-Lastprofils, um die Verursacher der Spitzen zu identifizieren. Oft sind es wiederkehrende Muster, wie der morgendliche Start aller Maschinen zur gleichen Zeit.

Die einfachste Methode ist die zeitliche Verschiebung energieintensiver Prozesse. Kann eine Maschine mit hohem Anlaufstrom 15 Minuten früher oder später gestartet werden? Können Druckluftkompressoren oder Kühlaggregate so gesteuert werden, dass sie nicht gleichzeitig mit der Hauptproduktionslinie anlaufen? Eine klare Priorisierung der Verbraucher in „kritisch“ (darf niemals abgeschaltet werden) und „unkritisch“ (kann für kurze Zeit pausieren) ist hierfür die Grundlage. Allein durch organisatorische Anpassungen und eine sequenzielle statt parallele Betriebsweise lassen sich oft schon signifikante Erfolge erzielen. Ein Unternehmen kann durch gezielte Steuerung jährlich bis zu 15% der Netznutzungsentgelte einsparen.

Für eine weitergehende Optimierung kommen technische Lösungen ins Spiel. Ein Spitzenlastwächter ist ein automatisiertes System, das den Gesamtverbrauch überwacht und bei Erreichen eines vordefinierten Grenzwertes automatisch unkritische Verbraucher kurzzeitig abschaltet. Die modernste und flexibelste Lösung ist der Einsatz von Batteriespeichersystemen. Diese laden sich in Zeiten geringer Last (und günstiger Strompreise) auf und geben die gespeicherte Energie während einer Lastspitze ab, um den teuren Bezug aus dem Netz zu „kappen“. Der Return on Investment (ROI) für solche Speicher ist durch hohe Einsparungen und attraktive Förderprogramme, wie die der KfW, oft überraschend kurz.

Praktische Checkliste für die Lastverschiebung in Ihrem Unternehmen

  1. Priorisierung: Erstellen Sie eine Liste aller großen Stromverbraucher und klassifizieren Sie diese in „kritisch“ (z.B. zentrale Produktionsanlage) und „unkritisch/verschiebbar“ (z.B. Batterieladung von Gabelstaplern, große Pumpen, Klimaanlagen).
  2. Zeitliche Entzerrung: Analysieren Sie Ihr Lastprofil und identifizieren Sie typische Spitzen (z.B. morgens um 7:00 Uhr). Erstellen Sie einen gestaffelten Anfahrplan für Maschinen, um den Gleichzeitigkeitsfaktor zu reduzieren.
  3. Automatisierung prüfen: Evaluieren Sie die Installation eines einfachen Spitzenlastwächters, der bei Erreichen eines Grenzwertes automatisch vordefinierte, unkritische Verbraucher für wenige Minuten vom Netz nimmt.
  4. Eigenerzeugung nutzen: Falls eine PV-Anlage oder ein BHKW vorhanden ist, prüfen Sie, ob die Steuerung so optimiert werden kann, dass die Eigenerzeugung gezielt zur Kappung von Bezugsspitzen eingesetzt wird.
  5. Speicherintegration bewerten: Holen Sie ein Angebot für einen Batteriespeicher ein, um das Potenzial des „Peak Shaving“ zu quantifizieren und den ROI unter Berücksichtigung von KfW-Förderungen zu berechnen.

Die aktive Steuerung Ihrer Lastspitzen ist ein mächtiges Werkzeug. Um es effektiv einzusetzen, ist es entscheidend, die praktischen Schritte zur Implementierung eines Lastmanagements zu kennen.

Beginnen Sie noch heute mit der Analyse Ihres Lastprofils. Identifizieren Sie Ihre Spitzenverursacher und setzen Sie die ersten organisatorischen Maßnahmen um – es ist der schnellste Weg zu spürbar niedrigeren Stromkosten.

Geschrieben von Andreas Volz, Prozessingenieur und Energie-Auditor für den industriellen Mittelstand. Spezialisiert auf Energieeffizienz in der Produktion, Wasserstoffanwendungen und ISO 50001 Managementsysteme.