Veröffentlicht am März 11, 2024

Die Absicherung gegen CO2-Preise ist kein reiner Kostenfaktor, sondern die größte strategische Chance zur Steigerung Ihrer Wettbewerbsfähigkeit.

  • Der Druck kommt direkt von Ihren Großkunden: Ohne transparenten CO2-Nachweis und eine klare Reduktionsstrategie verlieren Sie systemrelevantes Neugeschäft.
  • Effizienz wird neu definiert: Spezifische Energiekennzahlen (SEK) wie kWh pro Bauteil sind entscheidend, nicht mehr der absolute Gesamtverbrauch des Werks.

Empfehlung: Erstellen Sie eine datenbasierte Dekarbonisierungs-Roadmap, die wirtschaftliche Quick-Wins (Abwärmenutzung, Prozesseffizienz) priorisiert, bevor Sie risikoreiche Großinvestitionen in Technologien wie Wasserstoff tätigen.

Als Produktions- oder Werksleiter im deutschen Mittelstand stehen Sie vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen die operative Exzellenz und Wettbewerbsfähigkeit sichern, während die Kosten für CO2-Emissionen unaufhaltsam steigen. Der Druck kommt dabei nicht nur vom Gesetzgeber, sondern zunehmend von Ihren wichtigsten Kunden in den Lieferketten, insbesondere aus der Automobilindustrie. Die üblichen Ratschläge – „Investieren Sie in Solar“, „Steigen Sie auf Wasserstoff um“ – klingen oft wie eine unkoordinierte Liste an teuren Einzelmaßnahmen ohne klaren Return on Investment.

Doch die bloße Reaktion auf den Kostendruck greift zu kurz. Viele Unternehmen übersehen, dass eine durchdachte CO2-Strategie kein notwendiges Übel, sondern ein entscheidender Hebel zur langfristigen Sicherung von Produktionsstandorten und Margen ist. Der Schlüssel liegt nicht darin, blind in jede verfügbare Technologie zu investieren. Es geht vielmehr um eine risikobasierte Sequenzierung der Dekarbonisierung. Die entscheidende Frage ist nicht, *was* Sie tun, sondern in *welcher Reihenfolge* und auf Basis welcher operativen Kennzahlen Sie Ihre Investitionsentscheidungen treffen.

Dieser Leitfaden bietet Ihnen keine generischen Tipps, sondern eine strukturierte Roadmap. Wir analysieren, wie Sie den Anforderungen Ihrer Kunden gerecht werden, wirtschaftlich sinnvolle Potenziale wie Abwärme heben und Fehlinvestitionen in noch unsichere Technologien vermeiden. Ziel ist es, Ihnen einen klaren, datengestützten Pfad aufzuzeigen, um Ihre Betriebskosten dauerhaft zu senken und Ihre Position im Markt zu festigen.

Der folgende Artikel ist als strategischer Fahrplan konzipiert. Jedes Kapitel beleuchtet einen kritischen Aspekt der CO2-Absicherung und liefert konkrete, umsetzbare Analysen für Ihre Entscheidungsfindung.

Warum verlieren Zulieferer ohne CO2-Strategie jetzt ihre Großkunden in der Automobilbranche?

Der Druck zur Dekarbonisierung kommt für viele mittelständische Zulieferer nicht mehr primär vom Gesetzgeber, sondern direkt aus der Lieferkette. Große Automobilhersteller (OEMs) stehen selbst unter massivem Druck, ihre Flottenemissionen zu senken – bei Personenkraftwagen müssen die durchschnittlichen Emissionen bis 2025 auf unter 93,6 g/km fallen. Diese Verpflichtung kaskadieren sie unerbittlich an ihre Lieferanten weiter. Eine fehlende oder unzureichende CO2-Strategie ist somit kein abstraktes Umweltthema mehr, sondern ein akutes Geschäftsrisiko, das direkt die Auftragsbücher betrifft.

Die Vergabe von Neuaufträgen wird zunehmend an harte Nachhaltigkeitskriterien geknüpft. Eine KPMG-Analyse bestätigt, dass mittlerweile rund 66 % des Neugeschäfts für Zulieferer von der Erfüllung der CO2-Anforderungen der OEMs abhängen. Wer hier keine glaubwürdige Roadmap vorweisen kann, fällt aus dem Raster der strategischen Partner. Die Anforderungen sind dabei sehr konkret und gehen weit über eine reine Absichtserklärung hinaus.

OEMs fordern von ihren Zulieferern heute ein proaktives und nachweisbares Management ihres CO2-Fußabdrucks. Dazu gehören unter anderem:

  • Ein transparentes Management von CO2-Fußabdruck und Umweltrisiken in der gesamten Lieferkette.
  • Die Erfüllung anerkannter Standards, wie sie beispielsweise durch EcoVadis-Ratings definiert werden.
  • Die regelmäßige Durchführung interner CO2-Audits zur Validierung der Fortschritte.
  • Der Nachweis klarer Investitionen in Nachhaltigkeitsstrategien und -technologien.

Für Produktionsleiter bedeutet dies: Die Fähigkeit, den Product Carbon Footprint (PCF) für jedes Bauteil detailliert auszuweisen und eine klare Reduktionsstrategie zu präsentieren, wird zur entscheidenden Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit und die Sicherung zukünftiger Aufträge.

Wie nutzen Sie Abwärme aus der Produktion, um Ihre Heizkosten auf Null zu senken?

In vielen Industriebetrieben verpufft ein enormes wirtschaftliches Potenzial ungenutzt: die Abwärme aus Produktionsprozessen. Druckluftkompressoren, Schmelzöfen, Trocknungsanlagen oder Kühlprozesse erzeugen kontinuierlich Wärme, die oft kostenintensiv an die Umgebung abgeführt wird. Gleichzeitig wird an anderer Stelle im Werk teure Primärenergie – meist Erdgas – zur Beheizung von Hallen oder zur Warmwasserbereitung eingesetzt. Dieses Vorgehen ist nicht nur ökologisch unsinnig, sondern wird durch steigende CO2-Preise zu einem immer größeren Kostenfaktor.

Die technologische Lösung liegt in der intelligenten Abwärmenutzung mittels industrieller Hochtemperatur-Wärmepumpen. Diese Systeme sind in der Lage, Abwärme von einem niedrigen Temperaturniveau (z. B. 20-50 °C) auf ein für Heizzwecke nutzbares, höheres Niveau (z. B. 60-90 °C oder mehr) zu „pumpen“. Damit lässt sich die Abwärme direkt in das werkseigene Heizungsnetz einspeisen und ersetzt dort 1:1 den Einsatz fossiler Brennstoffe.

Nahaufnahme einer industriellen Hochtemperatur-Wärmepumpe mit Rohrleitungen und Dampf

Der wirtschaftliche Hebel ist enorm. Die Investition in eine solche Anlage amortisiert sich oft schon nach wenigen Jahren, allein durch die eingesparten Gaskosten und CO2-Abgaben. Zudem wird die Resilienz des Unternehmens gestärkt, da die Abhängigkeit von volatilen Energiemärkten sinkt. Die Bundesregierung hat die strategische Bedeutung dieser Technologie erkannt und fördert entsprechende Projekte massiv. Über das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) können Unternehmen für Maßnahmen zur Abwärmenutzung erhebliche Zuschüsse erhalten; laut BAFA beträgt die maximale Fördersumme pro Vorhaben bis zu 100 Millionen Euro. Dies schließt oft die Wirtschaftlichkeitslücke und macht die Investition hochattraktiv.

PPA-Verträge oder eigene PV-Anlage: Was sichert den Strompreis langfristig besser?

Strom ist für die meisten Industriebetriebe einer der größten Kostenblöcke. Die Volatilität an den Strombörsen, angetrieben durch geopolitische Unsicherheiten und den steigenden CO2-Preis im europäischen Emissionshandel (ETS), macht eine verlässliche Kalkulation fast unmöglich. Aktuell liegt der Preis für Emissionszertifikate bereits bei 90 bis 100 Euro pro Tonne CO2, was die Stromerzeugung aus fossilen Quellen verteuert und die Börsenpreise hoch hält. Für Produktionsleiter ist die Absicherung des Strompreises daher keine Option mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit. Zwei Hauptoptionen stehen dabei im Vordergrund: die Investition in eine eigene Photovoltaik-Anlage oder der Abschluss eines langfristigen Power Purchase Agreements (PPA).

Die Entscheidung zwischen diesen beiden Modellen hängt stark von der individuellen Unternehmensstrategie, der Risikobereitschaft und den Standortfaktoren ab. Eine pauschale Empfehlung gibt es nicht; eine differenzierte Betrachtung ist unerlässlich.

Vergleich: Eigene PV-Anlage vs. Power Purchase Agreement (PPA)
Kriterium Eigene PV-Anlage Power Purchase Agreement (PPA)
Investition (CAPEX) Hohe Anfangsinvestition in Anlage und Infrastruktur Keine oder geringe Anfangsinvestition
Betriebsrisiko Unternehmen trägt das volle Risiko für Wartung, Reparatur und Performance Risiko für Betrieb und Wartung liegt beim Anlagenbetreiber (PPA-Anbieter)
Preisstabilität Maximale Stabilität und Unabhängigkeit nach Amortisation Langfristiger Festpreis über 10-20 Jahre, bietet hohe Planungssicherheit
Flexibilität Gering; an den Standort und die Anlagengröße gebunden Hoch; auch Strom aus Windkraft (Onshore/Offshore) kann bezogen werden (virtuelles PPA)
Aufwand Hoher Planungs-, Genehmigungs- und Betriebsaufwand Gering; Fokus liegt auf der Vertragsgestaltung, nicht auf dem technischen Betrieb

Ein intelligentes Energiemanagementsystem kann beide Welten verbinden. Es ermöglicht die Steuerung der Eigenerzeugung, die Koppelung mit Speichern und die strategische Beschaffung von Restmengen über den Markt oder PPAs. Insbesondere der Abschluss langfristiger Verträge zur Beschaffung von Strom aus deutscher Windkraft zum Festpreis bietet eine exzellente Möglichkeit, die Kostenbasis zu stabilisieren und gleichzeitig die CO2-Bilanz signifikant zu verbessern.

Die Gefahr, Produktionslinien auf Wasserstoff umzurüsten, bevor die Versorgung steht

Wasserstoff (H2) wird oft als die Schlüsseltechnologie zur Dekarbonisierung von Hochtemperatur-Prozesswärme in der Industrie gehandelt. Doch während die technologische Machbarkeit der Umrüstung von Brennern und Anlagen oft im Vordergrund steht, wird das größte Risiko häufig unterschätzt: die Versorgungssicherheit und -kosten. Eine verfrühte, rein technologiegetriebene Umrüstung birgt die erhebliche Gefahr eines „Stranded Asset“ – einer teuren Investition, die nicht oder nur zu prohibitiv hohen Kosten genutzt werden kann.

Als Produktionsleiter müssen Sie eine nüchterne, risikobasierte Analyse durchführen, bevor Sie Millionen in die Umrüstung von Produktionslinien investieren. Die entscheidenden Fragen sind nicht nur technischer, sondern vor allem infrastruktureller und wirtschaftlicher Natur. Die Umstellung auf Wasserstoff ist keine Einzelentscheidung, sondern eine Wette auf die zukünftige Entwicklung eines ganzen Ökosystems, die mit erheblichen Unsicherheiten behaftet ist.

Futuristische Wasserstoff-Produktionsanlage in industrieller Umgebung

Bevor Sie eine Entscheidung treffen, müssen Sie die Versorgungslage für Ihren spezifischen Standort prüfen. Liegt Ihr Werk an einer der geplanten Trassen des „Wasserstoff-Kernnetzes“ der Bundesregierung? Wenn nicht, sind Sie auf teure LKW-Lieferungen angewiesen, die die Wirtschaftlichkeit des gesamten Vorhabens infrage stellen. Eine pragmatische Zwischenlösung kann die Investition in „H2-Ready“-Anlagen sein. Diese können zunächst effizient mit Erdgas betrieben und später mit überschaubarem Aufwand auf bis zu 100 % Wasserstoff umgerüstet werden. Dies minimiert das Investitionsrisiko erheblich und schafft Flexibilität für die Zukunft.

Wann müssen Sie Ihre Gas-Prozesswärme ersetzen, um gesetzliche Fristen einzuhalten?

Für viele Industriebetriebe ist Erdgas die primäre Energiequelle für Prozesswärme. Doch diese Abhängigkeit wird durch den nationalen Emissionshandel (nEHS) zu einer kalkulatorischen Zeitbombe. Anders als im europäischen ETS für die Großindustrie betrifft der nEHS alle, die fossile Brennstoffe wie Erdgas und Heizöl in Verkehr bringen. Die Kosten werden direkt über den Gaspreis an Sie weitergegeben und steigen nach einem festgelegten Pfad. Diese planmäßige Verteuerung macht den Status quo von Jahr zu Jahr unwirtschaftlicher und zwingt zum Handeln.

Der Preispfad ist politisch definiert und schafft eine klare, wenn auch schmerzhafte Planungsgrundlage. Für 2025 ist ein Preis von 45 Euro pro Tonne CO2 fixiert. Für 2026 ist ein Preiskorridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne CO2 vorgesehen. Ab 2027 sollen die Zertifikate dann frei ersteigert werden, was zu einer noch höheren Preisdynamik führen wird. Der Handlungsdruck ergibt sich also nicht aus einer vagen Zukunftsvision, sondern aus einem konkret terminierten Kostenanstieg.

Die entscheidende Frage für Sie als Werksleiter ist nicht *ob*, sondern *wann* der Break-Even-Point erreicht ist, an dem die Investition in eine alternative, CO2-freie Wärmeerzeugung (z.B. über Elektrifizierung, Biomasse oder die Nutzung von Abwärme) wirtschaftlicher ist als das Festhalten am Erdgas. Um dies zu berechnen, müssen Sie die prognostizierten CO2-Preise in Ihre Kalkulationen einbeziehen. Und die Prognosen sind eindeutig.

Das Forschungsprojekt Ariadne rechnet für 2030 mit etwa 120 Euro pro Tonne, das Energiewirtschaftliche Institut der Uni Köln sogar mit 151 Euro.

– Forschungsprojekt Ariadne / EWI Uni Köln, Finanztip Analyse CO2-Preis

Diese Zahlen zeigen: Wer jetzt nicht mit der Planung zur Substitution seiner Gas-Prozesswärme beginnt, riskiert in wenigen Jahren einen massiven Anstieg seiner Betriebskosten, der die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Standorts gefährden kann. Die Zeit für eine abwartende Haltung ist definitiv vorbei.

Warum ist der absolute Verbrauch als Kennzahl für Effizienz nutzlos?

Viele Unternehmen betrachten zur Bewertung ihrer Energieeffizienz immer noch den absoluten Energieverbrauch des gesamten Werks (in MWh pro Jahr). Diese Kennzahl ist jedoch für eine präzise Steuerung und die Identifikation echter Einsparpotenziale weitgehend unbrauchbar. Sie ist ein träger Indikator, der nicht zwischen Produktionsschwankungen, Produktmix-Änderungen oder tatsächlichen Effizienzverbesserungen unterscheiden kann. Ein sinkender Gesamtverbrauch kann schlicht auf eine geringere Auslastung zurückzuführen sein – und hat nichts mit einer verbesserten Effizienz zu tun.

Der Paradigmenwechsel liegt in der Einführung von spezifischen Energiekennzahlen (SEK), im Englischen auch Energy Performance Indicators (EnPIs) genannt. Diese setzen den Energieverbrauch in ein direktes Verhältnis zur produzierten Leistung. Statt MWh/Jahr lautet die Kennzahl dann beispielsweise kWh pro gefertigtem Bauteil, MWh pro Tonne verarbeitetem Material oder kWh pro Betriebsstunde einer Maschine. Nur so wird die Energieeffizienz messbar, vergleichbar und aktiv steuerbar.

Die Implementierung von SEK ist das Fundament eines jeden professionellen Energiemanagements. Sie ermöglicht es, den Energieverbrauch auf Produktebene zu allokieren, ineffiziente Prozesse zu identifizieren und die Wirkung von Optimierungsmaßnahmen präzise zu quantifizieren. Ein Unternehmen mit einem Gasverbrauch von 5.000 MWh zahlt bei einem CO2-Preis von 55 Euro/Tonne bereits rund 55.000 Euro Mehrkosten pro Jahr allein für die CO2-Abgabe. Ohne SEK ist es unmöglich, gezielt die Prozesse zu optimieren, die den größten Anteil an diesen Kosten verursachen.

Die Einführung eines solchen Systems ist zudem oft Voraussetzung für die Inanspruchnahme staatlicher Förderungen oder Entlastungen. Die Verbesserung der spezifischen Energiekennzahlen muss nachgewiesen werden, um beispielsweise für bestimmte Programme der KfW oder BAFA antragsberechtigt zu sein. Die Umstellung von der absoluten zur spezifischen Betrachtung ist also nicht nur eine methodische, sondern auch eine handfeste wirtschaftliche Notwendigkeit.

Wann lohnt sich die Kombination von BHKW und PV für die Grundlastdeckung?

Die Sicherung einer stabilen und planbaren Grundlast an Strom und Wärme ist für jeden Produktionsbetrieb essenziell. Die Kombination aus einer Photovoltaik-Anlage (PV) und einem Blockheizkraftwerk (BHKW) kann hier eine hochinteressante, aber auch komplexe Lösung darstellen. Diese hybride Strategie zielt darauf ab, die Stärken beider Technologien zu vereinen und ihre jeweiligen Schwächen auszugleichen.

Die PV-Anlage liefert tagsüber, insbesondere in den sonnenreichen Monaten, sehr günstigen und CO2-freien Strom. Ihre Erzeugung ist jedoch volatil und deckt den Strombedarf in den Nachtstunden oder an bewölkten Tagen nicht ab. Das BHKW hingegen, meist mit Erdgas oder idealerweise Biomethan betrieben, ist grundlastfähig und flexibel steuerbar. Es erzeugt in Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) gleichzeitig Strom und nutzbare Wärme und kann genau dann hochgefahren werden, wenn die PV-Anlage keine Leistung liefert. Es agiert somit als stabilisierendes Rückgrat der Energieversorgung.

Die Wirtschaftlichkeit dieser Kombination hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Lastprofil des Betriebs: Besteht ein hoher, kontinuierlicher Bedarf an Strom und Wärme (24/7-Produktion)? Dies ist die ideale Voraussetzung für ein BHKW.
  • Brennstoffkosten: Die Rentabilität des BHKW steht und fällt mit dem Preis für Gas bzw. Biomethan und den damit verbundenen CO2-Kosten.
  • Netzentgelte und Strompreise: Ein hoher Eigenverbrauchsanteil vermeidet teure Netzentgelte und den Bezug von Spitzenlaststrom aus dem Netz.
  • Fördermechanismen: Sowohl PV-Anlagen als auch hocheffiziente KWK-Anlagen werden staatlich gefördert, was die Investitionsrechnung entscheidend beeinflussen kann.

Die eigentliche Stärke der Kombination liegt in der intelligenten Steuerung. Ein Energiemanagementsystem optimiert das Zusammenspiel: PV-Strom wird maximal selbst verbraucht, Überschüsse können in einem Batteriespeicher gepuffert oder zur Wärmeerzeugung (Power-to-Heat) genutzt werden. Das BHKW deckt die Restlast und springt bei hohen Börsenstrompreisen ein. So wird das Werk zu einem flexiblen Akteur, der seine Energiekosten aktiv minimiert und gleichzeitig seine Versorgungssicherheit maximiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Externer Druck ist Realität: OEMs machen CO2-Performance zur Bedingung für Neugeschäft. Ohne Strategie droht der Verlust von Aufträgen.
  • Fokus auf Quick-Wins: Die Nutzung von industrieller Abwärme ist einer der größten und schnellsten Hebel zur Reduktion von Gaskosten und CO2-Emissionen.
  • Effizienz neu denken: Vergessen Sie den absoluten Verbrauch. Nur spezifische Energiekennzahlen (kWh/Stück) ermöglichen eine echte Steuerung und Optimierung Ihrer Prozesse.

Wie senken Sie durch ein ISO-50001-ähnliches Management Ihre Betriebskosten dauerhaft?

Die bisherigen Punkte haben gezeigt: Einzelmaßnahmen, so sinnvoll sie auch sein mögen, sind nur Bausteine. Um die CO2-Kosten und den Energieverbrauch jedoch systematisch und dauerhaft zu senken, benötigen Sie einen übergeordneten Management-Ansatz. Das Vorbild dafür ist die internationale Norm ISO 50001 für Energiemanagementsysteme. Auch ohne eine formale Zertifizierung können die Prinzipien dieses Standards als Blaupause für ein „Lean Energy Management“ im Mittelstand dienen. Für die Industrie insgesamt lagen die Kosten des Emissionshandels bereits 2021 bei etwa 1,4 Milliarden Euro – ein Betrag, der seitdem weiter gestiegen ist und die Notwendigkeit eines strukturierten Vorgehens unterstreicht.

Der Kern dieses Ansatzes ist der klassische PDCA-Zyklus (Plan-Do-Check-Act), der auf den Energieverbrauch angewendet wird. Es geht darum, einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess zu etablieren, der über die einmalige Umsetzung von Projekten hinausgeht.

Wissenschaftler des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung rechnen bis zum Jahr 2030 mit CO2-Preisen von etwa 107 bis zu 141 Euro pro Tonne CO₂. Achim Wambach, Präsident des ZEW, warnte, dass die CO2-Preise auf bis 200 Euro pro Tonne steigen könnten.

– PIK / Achim Wambach (ZEW), Agrarheute Analyse

Ein solches Managementsystem macht Energieeffizienz von einem technischen Thema zu einer Führungsaufgabe. Es schafft Transparenz, legt Verantwortlichkeiten fest und sorgt dafür, dass Einsparungen nicht dem Zufall überlassen, sondern strategisch geplant und nachverfolgt werden. Für viele Entlastungstatbestände im Rahmen der CO2-Bepreisung oder für den Zugang zu Förderprogrammen ist der Nachweis eines solchen Systems bereits heute eine zwingende Voraussetzung.

Ihr Plan zur Einführung eines Lean Energy Managements

  1. Messen: Erfassen Sie systematisch alle relevanten Energieverbräuche (Strom, Gas, Druckluft etc.) mit digitaler Zählertechnik an den Hauptverbrauchern. Schaffen Sie eine verlässliche Datenbasis.
  2. Analysieren: Identifizieren Sie die größten Verbraucher und Einsparpotenziale durch die Analyse der Daten. Nutzen Sie spezifische Energiekennzahlen (SEK) für das Benchmarking von Prozessen und Maschinen.
  3. Verbessern: Setzen Sie zunächst „Quick-Wins“ mit kurzer Amortisationszeit um (z.B. Optimierung der Druckluftversorgung, Anpassung von Regelungen). Planen Sie parallel strategische Maßnahmen mit längerer Vorlaufzeit.
  4. Kontrollieren: Etablieren Sie ein kontinuierliches Monitoring der Verbräuche und Kennzahlen. Erstellen Sie regelmäßige Berichte für das Management, um den Fortschritt sichtbar zu machen und Abweichungen schnell zu erkennen.
  5. Nachweisen: Dokumentieren Sie alle Maßnahmen und deren Effekte. Nutzen Sie diese Dokumentation als Nachweis für die Erfüllung gesetzlicher Anforderungen (z.B. für die Carbon-Leakage-Verordnung) oder als Voraussetzung für Förderanträge.

Der erste Schritt ist nicht die Investition, sondern die Analyse. Beginnen Sie jetzt mit der Erstellung Ihrer datengestützten Dekarbonisierungs-Roadmap, um Ihre Produktion für die Zukunft zu sichern und Ihre Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärfen.

Häufig gestellte Fragen zur Dekarbonisierung der Industrie

Liegt mein Standort an einer geplanten Wasserstoff-Trasse?

Die Bundesregierung plant das ‚Wasserstoff-Kernnetz‘. Unternehmen sollten prüfen, ob ihr Standort an einer geplanten Trasse liegt, da sonst teure LKW-Lieferungen drohen und die Wirtschaftlichkeit der Umstellung gefährdet ist.

Was sind ‚H2-Ready‘-Anlagen?

Dies sind Anlagen, die zunächst mit Erdgas betrieben, aber bereits so konstruiert sind, dass sie mit geringem technischem und finanziellem Aufwand auf einen Betrieb mit bis zu 100% Wasserstoff umgerüstet werden können. Dieses Vorgehen minimiert das Investitionsrisiko erheblich.

Wann ist direkte Elektrifizierung wirtschaftlicher als Wasserstoff?

In vielen Anwendungsfällen, insbesondere bei Prozesstemperaturen unter 500°C, ist die direkte Elektrifizierung (z.B. mittels Wärmepumpen oder Widerstandsheizungen) aufgrund des deutlich höheren Wirkungsgrads der Umwandlungskette effizienter und kostengünstiger. Wasserstoff wird voraussichtlich dort zum Einsatz kommen, wo sehr hohe Temperaturen benötigt werden oder eine Elektrifizierung technisch nicht möglich ist.

Geschrieben von Andreas Volz, Prozessingenieur und Energie-Auditor für den industriellen Mittelstand. Spezialisiert auf Energieeffizienz in der Produktion, Wasserstoffanwendungen und ISO 50001 Managementsysteme.